In einer patriarchalen Gesellschaft sind Beziehungen zwischen Menschen kompliziert. Das beginnt schon in der Familie: Wie entsteht das Familienbild in einer patriarchalen Gesellschaft? Wie sieht die Hierarchie aus, die diese Beziehungen prägt? In diesen Strukturen werden Menschen von Geburt an darauf programmiert, dass es einen „da oben“ gibt, der Macht und Autorität innehat: Das kann der Vater sein, der ältere Bruder oder eben der Diktator. Doch ist die Diktatur die Schöpferin oder das Geschöpf dieser Gesellschaft?

Rafat Alzakout

© Gianmarco Bresadola

Diese Frage bildet den Kern des Theaterstücks Ya Kebir, das der syrische Regisseur Rafat Alzakout gemeinsam mit der Schauspielerin Amal Omran geschrieben hat. Alzakout, der 2003 seinen Abschluss an der Hochschule für Theater in Damaskus gemacht hat und dessen Stücke bis 2011 an den wichtigsten Theatern der syrischen Hauptstadt aufgeführt wurden, lebt seit 2015 in Berlin. Momentan tourt Ya Kebir durch verschiedene Städte in Deutschland und Europa. Es ist ein „kontroverses und teilweise provokantes Stück, das viele Fragen offenlässt: Wer ist der Mörder? Und wer der Ermordete? Wer ist das Opfer? Und wer der Henker? Das schafft ein Unwohlsein im Publikum“, meint Alzakout über sein Stück.

Ya Kebir ist die zweite Produktion des Collective Ma’louba, das von Rafat Alzakout (Berlin), Amal Omran (Paris) und dem Theaterautor Muddar Alhaggi (Berlin) gegründet wurde. Ihre Zusammenarbeit begann mit der Bewerbung um ein Künstlerstipendium des Theaters an der Ruhr, das ihnen zwei Jahre lang Ausstattung, Räume und Logistik zur Verfügung stellte. „Wir haben unser Ensemble nach dem syrischen Gericht Ma’louba benannt“, erklärt Alzakout. „In dem Begriff stecken die Worte für ‚Herz’ und ‚auf den Kopf stellen’.“

Immer gibt es einen „Großen da oben“

Mit der Anrufung „ya kebir!“, die auf Deutsch so viel wie „oh, du Großer!“ bedeutet, werden sowohl Humor als auch Drohung assoziiert. Man sagt es spielerisch zu einem Freund, aber auch zu Gott, wenn man ihn anruft oder um Beistand bittet; man sagt es zu einer Person, vor der man sich fürchtet, oder respektvoll zum eigenen Vater. „Hier kommt das Patriarchat ins Spiel,“ meint Alzakout, „dem es um Kontrolle und Macht geht. Das ist natürlich nicht nur in der syrischen Gesellschaft so. Ya Kebir setzt sich mit dem Konzept dieses ‚Großen da oben‘ auseinander und beleuchtet seine Einflussnahme auf unser Leben.“

Die Handlung von Ya Kebir dreht sich um einen Vater, der als hoher Offizier beim Geheimdienst arbeitet und einiges an Blut vergossen hat. Die Nachricht von seinem Tod erreicht seine Kinder im Exil. Die Tochter (Amal Omran) beschließt, nach Syrien zurückzukehren; der Bruder (Hussein Murai) verbietet es ihr. Als die Geschwister sich treffen, gleiten sie in die Vergangenheit ab: Wir sehen Szenen der Beziehung zwischen Vater und Kindern, der Entstellung einer Kindheit. Das Aufeinandertreffen endet drastisch mit der Vergewaltigung der Schwester durch den Bruder. Anschließend tötet sie ihn und begeht Selbstmord. „Harte Szenen, die dem ähneln, was momentan in Syrien passiert“, meint Alzakout. „Es mag beunruhigend klingen, aber: Der Diktator sind wir und wir sind der Diktator.“

Die dunklen Winkel in zwischenmenschlichen Beziehungen

Nach 2011 kam es in vielen syrischen Familien zur Spaltung: für oder gegen das Regime, für oder gegen die Revolution, für oder gegen die Islamisten, für oder gegen die Bewaffnung des ursprünglich friedlichen Protests. Sieben Jahre später kann ein Theaterstück kaum all das zusammenfassen, was passiert ist. „Was in Syrien vor sich geht, braucht viele Bücher, Kunstwerke, Theaterstücke… Seit 2015 interessieren mich vor allem jene Fragen, die sich mit den dunklen Winkeln in zwischenmenschlichen Beziehungen beschäftigen.“

Theateraufführung Ya Kebir

© Gianmarco Bresadola

Ya Kebir integriert Elemente der griechischen Tragödie, macht diese jedoch für das Publikum zugänglicher. Die Sprache des Stücks ist simpel und präzise, aber trotzdem eindrücklich; die Handlung spielt in elitären Kreisen. So ist der Bruder in Ya Kebir bildender Künstler. Hier gibt es eine Parallele zum letzten Werk des Collective Ma’louba, Your Love is Fire, das von einem Theaterautor handelt. Das nächste Stück solle sich um eine Schauspielerin drehen: „Die Figuren sind ein zweischneidiges Schwert, denn ihre Fragen gehen einem vor allem dann nahe, wenn man selbst aus dieser Schicht kommt. Sie könnten aber auch völlig losgelöst von der Gesellschaft existieren. Dann muss man sich sehr viel mehr anstrengen, um die Handlung zugänglich zu machen. Es ist beängstigend, elitär genannt zu werden“, meint Alzakout. Und stellt richtig: „Um das Stück auf meinen eigenen Fragen aufzubauen, muss es aus dramaturgischen Gründen von Autoren, Künstlern oder jedenfalls Angehörigen der Mittelschicht handeln. Nur so können die Figuren diese Fragen überhaupt aufwerfen.“

Welches Publikum sucht ein Exilensemble?

Viele der syrischen Künstlerinnen und Künstler, die ihre Heimat verlassen haben, stehen im Exil vor neuen Problemen. Eines davon ist die Frage nach dem Publikum, an das sie sich mit ihrer Kunst wenden: arabisch oder europäisch? „Das hat mich am Anfang sehr beschäftigt, doch jetzt denke ich nicht mehr darüber nach“, sagt der Theaterregisseur. „Mein Stück wirft Fragen auf, die mich als Syrer beschäftigen, die aber auch in einem internationalen Setting funktionieren können. Letztendlich haben wir alle unterschiedliche Geschmäcker, z.B. in Bezug auf Gedichte, Theater, Klamotten, Essen, Bewegung und Körpersprache. Wenn man etwas wirklich Bedeutsames schafft, generiert man automatisch sein Publikum.“

Theateraufführung Ya Kebir

© Gianmarco Bresadola

Ya Kebir beruht auf vier Tagebuchseiten der Schauspielerin Amal Omran. Inhaltlich entwickelt es sich „vom Besonderen zum Allgemeinen, so wie wir Syrer aus unserem kleinen Land in die ganze Welt gegangen sind“, meint Alzakout. Im Exil seien Syrerinnen und Syrer quasi entblößt, denn auf der Straße starre man sie an und sehe in ihnen die patriarchale Gesellschaft, aus der sie kommen. „Es macht mich wütend, wenn ich gefragt werde, ob ich nicht ein positiveres Bild der Flüchtlinge und Syrer zeichnen will. Das ist doch nicht die Aufgabe der Kunst! Vergewaltigungen und Familienmorde gibt es überall auf der Welt, das hat nichts mit Muslimen oder Christen, mit West oder Ost zu tun. Das ist leeres Gerede! Unser Stück ist beeinflusst vom griechischen Theater – Medea tötete ihre Kinder, Ophelia liebte einen verrückten Mann, mit dem sie verwandt war! Diese Geschichten wiederholen sich.“

Wie haben sich Rafat Alzakouts Themen in den letzten Jahren verändert? „Es sind mehr dazugekommen. Früher war ich von Familie, Freunden, Gesellschaft, Regierung und Religion eingeschränkt. Nach 2011 hat sich das geändert. Die Themen sind freier geworden, denn die Revolution hat viele Weltanschauungen über den Haufen geworfen.“ Der dritte Teil seiner Bühnentrilogie wird sich mit der Dekade vor 2011 beschäftigen. Ausgehend von Baschar al-Assads Machtübernahme wird es die Verflechtung von religiösen Autoritäten, symbolisiert durch die Qubaysiyat-Bewegung, der Unternehmerschicht und dem Geheimdienst darstellen.

Bevor es sein neues Stück auf die Bühne bringen kann, muss das Collective Ma’louba erst noch ein paar Hindernisse überwinden, z.B. geografischer Natur: Amal Omran lebt in Frankreich, Hussein Marai in Italien. Die Probenkosten sind deshalb sehr hoch. Außerdem fehlt dem Ensemble eine gewisse Stabilität, wie sie viele Menschen im Exil vermissen. Weitere Hürden sind bürokratischer Natur. „Wir sollten Your Love is Fire in China aufführen“, erzählt Alzakout, „wurden allerdings aufgefordert, alles wegzulassen, was zu eindeutig mit den Ereignissen in Syrien zusammenhängt. Das haben wir natürlich abgelehnt.“

Aktueller Spielplan des Collective Ma’louba

YA KEBIR | 12. & 13.04. Theater im Aufbau Kreuzberg Berlin

YOUR LOVE IS FIRE | 18.04. National Theatre Budapest

YOUR LOVE IS FIRE | 21.04. Staatstheater Karlsruhe

YA KEBIR | 22.04. Staatstheater Karlsruhe

YA KEBIR | 30.04. Theater an der Ruhr

YOUR LOVE IS FIRE | 30.05. Theater an der Ruhr

Und in Deutschland? „Solche Regeln gibt es hier nicht, aber es stört uns schon, dass wir immer etwas über Flüchtlinge machen sollen. Ich habe bereits einen Vertrag mit einem deutschen Theater abgelehnt, weil es nur um bestimmte Flüchtlingsthemen gehen sollte.“ Natürlich sei er Flüchtling, unterstreicht Alzakout. „Ich bin aber auch Künstler und nicht auf das Thema Flüchtlinge beschränkt. Ich habe meine ganz eigenen Gedanken und Fragen. Diese Vermischung von Kunst und zivilgesellschaftlichen Themen ist anstrengend.“

Ya Kebir wird am 12. und 13. April jeweils um 20h im TAK – Theater im Aufbau Haus in Berlin aufgeführt. Weitere Spielstätten werden regelmäßig auf der Facebook-Page des Ensembles bekanntgegeben.

Übersetzung: Hannah El-Hitami

Ramy Al-Asheq

Lyriker, Journalist und Chefredakteur des FANN Magazins.

2018-05-07T22:50:27+00:00