Gerade erst hat die palästinensische Sängerin Rana Khoury die Aufnahmen für ihr erstes Album beendet. Versprechen enthält zehn neue Songs und zwei Musikstücke mit Gesang. Khoury, die in Haifa geboren wurde und an der dortigen Universität unterrichtete, wurde der Gesang quasi in die Wiege gelegt. Seitdem begleitet er sie Tag für Tag und bestimmt auch ihr Familienleben mit ihrem Partner Darwish Darwish und ihren Söhnen Salim und Dschoud.

Für Versprechen, das mit Unterstützung der Abdel Mohsin Al-Qattan Stiftung entstanden ist, arbeitete Rana Khoury mit Dichtern und Künstlern zusammen. „Das Album ist durch die Vielseitigkeit der Lieder, durch deren Qualität und Inhalt eine Darstellung meiner selbst“, sagt sie. „Dass es so spät kommt, hängt damit zusammen, dass die Alben-Produktion viel musikalisches Equipment und Expertise braucht. Außerdem ist es generell schwierig, ein Album unabhängig (von großen Produktionsfirmen, AdR) zu produzieren.“

Die unvergleichliche Energie der Bühne

Rana Khourys Werk zeichnet sich durch eine große musikalische Bandbreite aus. Sie hat Stücke unterschiedlicher Genres aufgenommen, mit verschiedenen Musikerinnen und Musikern gearbeitet und Lieder aus dem traditionellen Repertoire des arabischen Raums neu interpretiert, darunter Kompositionen aus Palästina, Algerien, Ägypten, Syrien, Tunesien und anderen Ländern. Über all die Jahre habe der Moment, in dem sie die Bühne betritt, immer dieselben Gefühle in ihr auslöst, erzählt Khoury: „Das ist ein großartiger Moment für mich, da ich immer Lampenfieber habe, bevor ich zu singen anfange. Von dem Punkt an beginnt die Reise, auf die ich mein Publikum mitnehme – vor allem wenn es mitsingt. Das gibt mir eine unheimliche Energie und ist mit nichts zu vergleichen.“ Wenn sie einen Song aufnehme, spüre sie diese Energie nicht so stark, sondern genieße die Musik auf andere Art und Weise.

rana khoury

© Shadi Mansour

Wie haben sich Rana Khourys musikalische Präferenzen und ihr Umgang mit Musik in den letzten Jahrzehnten verändert? „Seit ich Kontakt mit verschiedenen Künstlern habe, habe ich viele neue Sichtweisen kennengelernt, z.B. was die Interaktion mit dem Publikum oder die Auswahl der Lieder angeht.“ Außerdem wisse sie mittlerweile, welche Art von Liedern sie selbst am meisten möge und welche das Publikum vorziehe. „Mein Blick auf die Musik ist mittlerweile eher spirituell als technisch“, meint Khoury. „Meine Suche nach musikalischen Details, nach neuen Stilen und Songs, wird sicher nie beendet sein.“

Die wichtigste Kooperation ist der Bund mit Darwish Darwish

Vor allem mit Musikerinnen und Musikern aus Palästina arbeitet Rana Khoury regelmäßig zusammen. Die wichtigste und emotional inspirierendste Kooperation aber ist der Bund mit ihrem Lebenspartner, dem Musiker Darwish Darwish. „Dass er immer an meiner Seite ist, bestärkt mich in meinem Schaffen“, erzählt Khoury. „Er ist derjenige, der sich am meisten um meine künstlerische Karriere kümmert. Ich vertraue auf seine Meinung und respektiere sie. Wir beide wissen, was dem anderen wichtig ist, und versuchen, das in die Tat umzusetzen.“

Das größte Konfliktpotenzial steckt vermutlich in der Beziehung von Künstlerdasein und Mutterschaft. Künstlerinnen, die Kinder haben, ständen vor großen Herausforderungen, meint Rana Khoury. „Dieser Bereich meines Lebens ist einer der schwierigsten, aber gleichzeitig auch der angenehmste. Ich habe nicht mehr die volle Kontrolle über mein Leben“ So könne es sein, dass sie das Nachdenken über neue Projekte oder auch das bloße Anhören eines Songs hintenanstellen muss, weil Salim ihr eine Frage stelle oder Dschoud Aufmerksamkeit brauche. „Wenn ich aber gleichzeitig spüre, wieviel Liebe mir die beiden geben, ist das mit nichts zu vergleichen“, fügt Khoury hinzu. „Dieses Gefühl gibt mir die Energie, weiter zu machen.“ Bei Aufführungen oder Proben sei ihre Familie immer an ihrer Seite und zeige große Hilfsbereitschaft.

Die größte Herausforderung bleibt für Rana Khoury auch nach Jahren des musikalischen Schaffens das Publikum. Bei jedem Konzert stelle sich ihr die Frage: „Wer ist das Publikum? Was will es hören?“ Im Frühjahr 2018 wird Khoury sich diese Fragen wieder häufiger stellen, denn dann beginnt die Tournee zu ihrem Album Versprechen.

Übersetzung: Benedikt Römer