Die Tunesierin Sabrine Saidani, 26 Jahre, gehört zu den Sängerinnen, die über die sozialen Netzwerke bekannt geworden sind. Ihre Videos wurden von vielen Websites und Online-Magazinen geteilt, wodurch sie zahlreiche Followerinnen und Follower gewonnen hat. Obwohl die sozialen Netzwerke nicht nur Vorteile haben, da sie viel Unfertiges enthalten, sind sie gleichzeitig ein offener Raum, der nicht von einer einzelnen Gruppe kontrolliert wird.

Im Interview spricht Saidani über ihre Identität als Sängerin und darüber, wie ernst sie ihre Veröffentlichung in den sozialen Netzwerken nimmt.

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Posted by Sabrine Saidani on Tuesday, September 27, 2016

Die Musik des östlichen arabischen Raums (Maschrek) unterscheidet sich stark von der Musik des westlichen (Maghreb). Das liegt unter anderem daran, dass europäische und US-amerikanische Musik eine größere Rolle in der Maghreb-Musik spielt. Außerdem bauen ihre Genres stärker auf der persönlichen Identität der Sängerin oder des Sängers sowie auf deren musikalischem Geschmack auf. „Vor Beginn der Moderne gab es eine besondere Art von Musik im Maghreb, die im Maschrek unbekannt war“, meint Sabrine Saidani. „Sie heißt Ma‘louf und ist eine Form der klassischen andalusischen Musik, die dem ganzen Maghreb trotz seiner Unterschiede gemein ist. Im Ma‘louf wird eine Tonleiter als ‚Nuba‘ (wörtlich: Runde) bezeichnet, weil sie sich eine nach der anderen abwechseln. Es gibt insgesamt 24 Nubas, so viele wie der Tag Stunden hat, aber wir kennen heutzutage nur noch 12 davon.“

„Die Wurzeln des Raï gehen bis ins 18. Jh. zurück“

Das zweite Genre, das Saidani stark geprägt hat, ist der Sufi-Gesang. Ihre Großmutter, so erzählt sie, habe bei Familientreffen immer Sufi-Lieder gesungen. „Jedes Mal haben mich ihre stimmlichen Fähigkeiten und ihrer natürliche Beherrschung der Tonleitern erstaunt.“ Außerdem ist wie für alle Jugendlichen im Maghreb auch für Saidani der Raï eines der wichtigsten Genres der Populärmusik. „Die Wurzeln des Raï gehen bis ins 18. Jh. zurück, was dem Mythos widerspricht, das das eine ‚moderne‘ Musik sei. Die Sänger wurden damals ‚Scheich‘ (wörtlich: Meister) genannt.“

Sabrine Saidani

© Mohamed Khaled Nciri

Der Einfluss westlicher, europäisch-amerikanischer Musik auf die Strukturen der arabischen Musik zeigt sich auf unterschiedliche Weise. „Westliche Musik beeinflusst heute, mehr als früher, die Rhythmen der arabischen Musik“, meint Saidani. „Man hört heutzutage traditionelle arabische Lieder mit indischen, afrikanischen und westlichen Rhythmen. Meiner Meinung nach macht das die arabische Musik flüssiger und beweglicher. Wenn man ein arabisches Lied auf einen westlichen Rhythmus singt, verwendet man einen Teil der Kultur der westlichen Zuhörerinnen und Zuhörer, um den emotionalen und gesellschaftlichen Subtext des Lieds zu vermitteln.“

„Social Media ist ein wichtiger Raum, braucht aber eine Übertragung ins Konkrete“

Sabrine Saidani gibt sich am liebsten ganz natürlich: spontan und fern von Klischees. Obwohl sie auf Facebook so viele Fans hat, gibt sie sich Mühe, sich stimmlich weiterzubilden, da ihre Kunst für sie nicht nur ein Hobby ist. „Social Media ist auf jeden Fall ein wichtiger Raum, aber egal wie groß die Interaktion dort ist, braucht es immer eine Übertragung ins Konkrete.“

Als Sängerin verfolge sie zwei Ziele: westliche und arabische Musik zu kombinieren und in verschiedenen Genres zu singen. „Mein Fokus liegt weiterhin auf der Kombination von Maschrek- und Maghreb-Musik, besonders von Ma‘louf und Raï, die aus der Tradition der Amazigh stammen.“ Gleichzeitig ist Saidani der Meinung, dass ein zu starker Fokus auf Zugehörigkeiten in der Musik zu restriktiv sei. „Es gibt keinen Zweifel, dass Genres aus akademischer Sicht sehr wichtig sind, doch sie sollten Sängerinnen und Sänger nicht einschränken.“

Sabrine Saidani

© Mohamed Khaled Nciri

Zurzeit arbeitet Sabrine Saidani zusammen mit dem syrischen Schriftsteller Adnan al-Ouda und dem Komponisten Hussam Numan an einer neuen Aufnahme. In Prinzip hat sie kein Problem, mit anderen Künstlerinnen und Künstlern zusammenzuarbeiten. „Wenn wir die gleiche Vision und das gleiche Projekt haben, warum sollten wir uns in einer Band nicht einigen können?“ Trotzdem ziehe sie es vor, als Solo-Künstlerin zu arbeiten.

Seit 2011 werden in Tunesien zahlreiche Kämpfe gegen religiöse und politische Autoritäten ausgefochten. Die zivilgesellschaftliche Bewegung hat unter anderem große rechtliche Fortschritte für Frauen erreicht, wie es bislang kein anderes arabisches Land geschafft hat. „Der Kampf für persönliche Freiheiten fing aber schon viel früher an“, erklärt Saidani. „In den späten 1950er-Jahren haben tunesischen Frauen eine Menge Rechte erhalten, die denen im Westen ähnlich sind. Was sich in Bezug auf Gesetze und auf dem Papier verändert hat, ist einfach zu erreichen. Wichtiger ist, was im individuellen und gesellschaftlichen Bewusstsein passiert ist. Männer haben zumindest in Teilen verstanden, was Gleichberechtigung ist.“ Im Musikbusiness jedoch unterschieden sich die Probleme von Sängerinnen und Sängern nicht besonders, meint Saidani: „Frauen begegnen den gleichen Problemen wie Männer, vor allem was Produktion, Förderung und Vertrieb angeht.“

Übersetzung: Ibrahim Mahfouz

2019-01-24T15:01:21+00:00