Kaum dass er 2016 in Deutschland angekommen war, trat der syrische Musiker Wassim Mukdad schon mit seiner Oud in Augsburg auf. In nur anderthalb Jahren hat er es geschafft, sich als einer der wichtigsten Oud-Spieler Deutschlands zu etablieren. Die meiste Zeit verbringt er mit Konzerten, Proben und seinem Studium der Musikwissenschaft an der Humboldt Universität Berlin.

FANN: Was waren Ihre ersten musikalischen Schritte in Deutschland?

Wassim Mukdad: Am Anfang habe ich an Jam Sessions teilgenommen und konnte so Musiker aus ganz Deutschland kennenlernen. Heute spiele ich in unterschiedlichen Formationen: Von Duos (Oud und Perkussion) und Trios (Oud, Kanun und Ney oder Oud, Kontrabass und Gesang) über Quartette (Oud, Perkussion, Kontrabass und Geige), Quintette und Sextette bis hin zum Babylon Orchestra und einem Ensemble der Berliner Komischen Oper, zu dem 51 Musikerinnen und Musiker und acht Sängerinnen und Sänger gehören.

FANN: Welches Stück bringen Sie mit diesem Ensemble zur Aufführung?

Wassim Mukdad: Eine Operette für Kinder, die auf der Geschichte der Bremer Stadtmusikanten der Gebrüder Grimm basiert. Die Musik wurde von dem türkischen Komponisten Attila Kadri Şendil geschrieben. Er hat sich entschieden, vier traditionelle türkische Instrumente – Oud, Baglama, Kanun und Zurna – zu benutzen, von denen jedes eines der Tiere verkörpert. Şendil hat aber in den USA und Frankreich studiert. Die westliche Musik prägt seine Operette, aus der Anklänge an die Romantik, an Jazz, Blues und amerikanische Broadway-Musik herauszuhören sind.

wassim mukdad musiker

© Fady Jomar

FANN: Geht die Oud in einer solchen Komposition nicht unter? Begrenzt das nicht Ihre Möglichkeiten, als Musiker zu brillieren?

Wassim Mukdad: Auf keinen Fall. Şendils Komposition ist schön, präzise und gar nicht traditionell. Die Musik ist eher atonal und expressiv im Vergleich zur Vokalmusik, sie ist nicht abhängig von einem sich wiederholenden Rhythmus. Mit meinem Instrument muss ich den Gemütszustand komplizierter Figuren ausdrücken, was eine echte Herausforderung ist. Dazu kommt die Tatsache, dass wir die Operette mehrmals aufführen und man jedes Mal die gleiche Leistung bringen muss, was schon an sich ein Erfolg ist. Außerdem sollte man wissen, dass ich die Figuren musikalisch darstelle, ohne sie eigentlich zu sehen. Bei der Aufführung sitzt das Orchester in einer Kammer, von der aus man die Bühne nicht sehen kann. Ich muss die Bewegungen, den Ausdruck, die Positionen und Stimmen der Schauspieler also auswendig können.

FANN: Könnte man eine Operette komponieren, die auf dem orientalischen Maqam-Tonsystem basiert?

Wassim Mukdad: Es gibt schon jetzt einzelne Experimente, aber grundsätzlich passiert das eher selten. Deshalb gibt es noch keinen eindeutigen Stil, der orientalische Operetten auszeichnen könnte. Die orientalische Musik im Allgemeinen und die arabische Musik im Besonderen ist noch in der Kammermusik gefangen. Das schränkt die Zahl der Musiker ein, die normalerweise zusammen eine Melodie spielen. Um vor 300 oder 400 Leuten zu spielen und einen großen Raum zu füllen, braucht man einfach mehr Musiker. Es reicht nicht, wenige Musiker auf die Bühne zu setzen und den Ton elektronisch zu verstärken. Die Masse an Musikern ergibt eine Vielfalt an Frequenzen. Die braucht man, um verschiedene Figuren in der Musik darzustellen. Hier liegt das Problem. Wenn eine große Zahl orientalischer Musikern zusammenspielt, dann hebt die Vielfalt der Stimmen oft die orientalische Prägung der Musik auf.

FANN: Was sind Ihre nächsten Projekte?

Wassim Mukdad: Ich arbeite momentan an einem Projekt, das sich der Beziehung zwischen orientalischer und westlicher Musik widmet. Es handelt sich dabei um ein Concerto für Oud des syrischen Komponisten Nouri Iskandar, das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschrieben wurde und jetzt mit Stücken aus dem 18. und 19. Jahrhundert verbunden wird. Damals sind Ost und West wirklich aufeinander getroffen. Beide Seiten haben sich gleichzeitig bekämpft und ausgetauscht. Als Mozart sein Rondo alla turca schrieb, tat er das, weil in Europa eine „türkische Mode“ ausgebrochen war und Istanbul als Kunstzentrum nicht weniger wichtig war als Wien und umgekehrt. Es gab eine Art Gleichgewicht, so wie heute zwischen London, Berlin und Tokyo: In Japan hört man sowohl europäische Musik als auch traditionelle japanische Musik; in London hört man lateinamerikanische und asiatische Musik. In seinem Concerto für Oud schafft Nouri Iskandar echte musikalische Lösungen. Außerdem bin ich Teil des Projekts Arab Song Jam, das jeden ersten Donnerstag des Monats in der Berliner Werkstatt der Kulturen zu Gast ist. Meistens kommen Leute aus allen Ecken der Welt, die eine große Vielfalt an Musikstilen einbringen. Der Arab Song Jam ist ein dynamischer und aufregender Dialog, der einen Dreiklang aus Improvisieren, Zuhören und Aufführen schafft.

Übersetzung: Ibrahim Mahfouz

Fady Jomar

Syrischer Lyriker.

2018-09-12T17:54:28+00:00