Die Tunesierin Amina Sbouï ist vor allem als früheres FEMEN-Mitglied bekannt. 2013 schlug ein Foto von ihr, auf dem sie mit nacktem Oberkörper und dem Slogan „Mein Körper gehört mir“ zu sehen war, in ihrem Heimatland hohe Wellen. Im Sommer desselben Jahres verbrachte sie wegen weiterer Protestaktionen mehrere Monate im Gefängnis, was eine internationale Welle der Solidarität auslöste. Als Aktivistin ist Sbouï seither so berühmt wie berüchtigt. Die Privatperson jedoch wird vom öffentlichen Image verdeckt. Der Dokumentarfilm Upon the Shadow (2017) der tunesischen Regisseurin Nada Mezni Hafaiedh gibt erstmals Einblick in Sbouïs Leben nach ihrer Zeit bei FEMEN. Hafaiedh folgt ihrer Protagonistin durch den Alltag, den sie mit mehreren LGBTIQ-Menschen teilt, die von ihren Familien verstoßen wurden. Szenen des ausgelassenen Feierns wechseln sich ab mit emotionalen Ausbrüchen, wenn Sbouïs Freundinnen und Freunde mit der Homo- und Transphobie ihrer Gesellschaft konfrontiert werden.

Dass Upon the Shadow die 5. Arabischen Filmtage der Heinrich-Böll-Stiftung (15. bis 18.11.2018) in Berlin eröffnet, ist ungewöhnlich. Schließlich wird diese Ehre meistens Spielfilmen zuteil. „Wir haben uns für einen Dokumentarfilm als Eröffnungsfilm entschieden, weil wir ein Statement setzen wollten“, sagt Rabih El-Khoury, Programmleiter von Talents Beirut und Kurator der Filmtage, die in diesem Jahr unter dem Motto „Hidden Life, Hidden Love“ stehen. „Nada Mezni Hafaiedhs Film handelt von so vielen Dingen: von Frauenrechten, LGBT-Rechten und Minderheitenrechten, von Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, vom Arabischen Frühling…“ Auch wenn diese Themen in Tunesien mehr als sensibel sind, war der Film dort erfolgreich. Seine Premiere hatte er auf dem Karthago Film Festival 2017, wo er einen dritten Preis gewann.

Rabih El-Khoury

Rabih El-Khoury, Kurator der 5. Arabischen Filmtage der Heinrich-Böll-Stiftung © Cinema Akil

Neben Upon the Shadow stehen 15 weitere Dokumentar-, Spiel- und Kurzfilme auf dem Programm, darunter Only Men Go to the Grave (2016) von Abdullah Alkaabi aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Er erzählt davon, wie eine Familie nach dem überraschenden Tod der Mutter herausfindet, dass diese lesbisch war. Als eine ehemalige Geliebte bei der Beerdigung erscheint, wird die Familie ins Chaos gestürzt. Ein ganz anderes Thema behandelt Salvation Army (2013) des marokkanischen Autors Abdellah Taïa, der dessen Jugend in einem Arbeiterviertel von Casablanca reflektiert. „Bei der Premiere in Tangiers, hat Taïa in einem Interview erzählt, wurde der Film ausgebuht”, meint Rabih El-Khoury. „Das Publikum hat ihn einfach nicht verstanden. Für viele ist es schwer sich vorzustellen, dass ein Schwuler in einem Film der Held sein kann. Darauf war das Publikum nicht vorbereitet.“

In Berlin haben die Filmtage mit anderen Vorurteilen zu kämpfen. Die meisten Leute, denen er vom Programm erzählt habe, meint El-Khoury, hätten ungläubig reagiert: „Da kamen Aussagen wie: ‚Oh wow, ihr dreht LGBT-Filme in der arabischen Welt?‘ Dabei ist das gar nichts Neues. Nehmen wir das ägyptische Kino, zum Beispiel Youssef Chahine und Yousry Nasrallah. In den 70ern, 80ern und 90ern gab es immer Filme mit queeren und nicht queeren Figuren.“ Mittlerweile kommen besonders viele Filme mit LGBTIQ-Themen aus dem Libanon, was sich auch im Programm der Filmtage niederschlägt: „Ich habe einen sehr zeitgenössischen Ansatz gewählt, um jungen Filmemachern eine Bühne zu schaffen. Und es ist nun mal so, dass sich im Libanon zu diesem Zeitpunkt besonders viele Stimmen auf einmal erhoben haben.“ Unter ihnen sind Anthony Chidiac, dessen lyrischer Dokumentarfilm Room for a Man (2017) schon beim 9. ALFILM lief, Selim Mourad mit This Little Father Obsession (2016) und Mohamed Sabbah mit Chronic (2017).

„Das Filmemacher diese Themen bearbeiten, muss gesehen werden“

Auch die arabische Diaspora ist vertreten: In Lola Pater (2017) von Nadir Moknèche reist Zino von Algerien nach Frankreich, um seinen Vater Farid zu suchen. Der hat vor 25 Jahren seine Familie verlassen und ist zu Lola geworden, dargestellt von der französischen Schauspielerin Fanny Ardant. „Ich wollte diesen Film im Programm haben“, meint Rabih El-Khoury, „weil es die arabische Welt sozusagen aus der arabischen Welt herausholt. Das Publikum öffnet sich immer mehr für solche Geschichten, z.B. von Transpersonen, die es ja überall gibt. Das Filmemacher diese Themen bearbeiten, muss gesehen werden.“

In der arabischen Welt ist das nicht immer der Fall, denn viele der Filme finden dort nur ein kleines Publikum. Im Libanon zum Beispiel ist es immer noch schwierig, die Zensur zu passieren. In Tunesien hingegen hat Anfang dieses Jahres zum ersten Mal das Mawjoudin Queer Film Festival stattgefunden. „Ich wollte ein politisches Filmprogramm kuratieren“, meint El-Khoury, „denn in der arabischen Welt ist es ein starkes Statement, LGBT zu sein.“ Er geht sogar noch weiter: „LGBT-Filme zu drehen ist in der arabischen Welt eine Form von Widerstand. Diese jungen Filmemacher setzen ihre Sexualität ein, um gegen all das, was in der arabischen Welt passiert, Widerstand zu leisten.“

„Menschen haben dafür gekämpft, dass es heute eine Gay Pride geben kann“

Die Verbindung zum Arabischen Frühling liegt nahe. Daher hat El-Khoury nur Filme ausgewählt, die nach 2011 entstanden sind. Die Lebensrealitäten, die sie zeigen, könnten kaum weiter entfernt sein vom Alltag in Berlin: „Wenn hier eine Gay Pride stattfindet, dann ist das eine große Show mit Kostümen, guter Musik und Partys. Viele vergessen dabei, dass Menschen dafür gekämpft haben, dass es das heute geben kann.“ In der arabischen Welt sei man weit davon entfernt. Wie LGBTIQ-Menschen dort ihr Leben leben, will El-Khoury den Zuschauerinnen und Zuschauern in Berlin durch seine Filmauswahl verständlich machen. „Vielleicht finden sie sich in diesen Filmen wieder oder denken darüber nach, wie schwer es für andere Menschen ist, ihren Alltag zu leben, während die Gesellschaft in Deutschland immer offener wird. Hier gibt es jetzt sogar die Ehe für alle. In der arabischen Welt ist das eine Utopie.“

Die 5. Arabischen Filmtage „Hidden Life, Hidden Love“ finden vom 15. bis 18.11.2018 in der Kulturbrauerei in Berlin statt. Alle Programminfos und Filmtrailer gibt es auf der Website der Heinrich-Böll-Stiftung.