Baschar al-Assad ist ein Mensch. Eigentlich versteht sich das von selbst, aber wenn man es im Bewegtbild vor sich sieht, überrascht es einen trotzdem. Die Dokumentarserie „Syriens Herrscher – das Haus Assad“ (2019) zeigt den syrischen Diktator als vernachlässigten Sohn, als leidenschaftlichen Arzt, als Familienvater und schließlich als Präsidenten wider Willen. In drei Episoden geht der Dokumentarfilmer Nick Green der Frage nach: Wie konnte aus einem sanftmütigen Augenarzt ein Diktator werden, der für den Tod hunderttausender Menschen verantwortlich ist?

Beantworten kann er diese Frage nicht. Vielleicht ist sie auch falsch gestellt. Vielleicht kann ein Mensch gleichzeitig sanftmütiger Augenarzt und Diktator sein. Anhand der Erzählungen von Menschen, die mit Baschar al-Assad studiert oder gearbeitet haben, vermittelt die Serie einen Eindruck davon, wer dieser Mensch ist – dass er ein Mensch ist. Und dass das nicht überraschend ist, weil Menschen zu Unmenschlichem fähig sind, wenn sie in den entsprechenden Systemen stecken.

Rezension The House of Assad

Baschar al-Assad und seine Frau Asma im Coupole Restaurant in Paris, 2010, © Getty Images / Miguel Medina

Präsident wider Willen

Die Erzählung beginnt mit dem Staatsstreich und Aufstieg der Familie Assad in der ersten Folge, blickt in der zweiten Folge auf Baschar als Nachfolger seines Vaters Hafis und auf die Entwicklung seiner Macht. Sie endet in der dritten Folge mit dem Arabischen Frühling und dem Krieg – zunächst eine Protestbewegung, die sich durch das Eingreifen internationaler Mächte wie Russland, Iran, Saudi-Arabien und den USA zu einem Stellvertreterkrieg entwickelt hat, der bis heute andauert. Wir erfahren, dass Baschar als zweitältester Sohn eigentlich nie Präsident werden sollte. Sein älterer Bruder Basil, den der Vater Hafis als Nachfolger vorgesehen hatte, starb bei einem Autounfall. Er galt als sehr brutal und geradezu wahnsinnig. Auch alle anderen potenziellen Kandidaten – Baschars Onkel, sein Bruder Maher, seine Schwester Buschra – werden in der Doku als besonders bösartig und skrupellos dargestellt. Es scheint fast so, als sei Baschar das kleinstmögliche Übel gewesen.

Baschar al-Assad wird als junger Mann porträtiert, der in London Augenmedizin studiert. Er ist fasziniert von der Vorstellung, einen Blinden sehend machen zu können. Er ist bescheiden: Niemand weiß, dass er der Sohn des syrischen Präsidenten ist. Als sein Bruder stirbt und klar wird, dass er der „Thronfolger“ werden soll, kehrt Baschar nach Syrien zurück. Begleitet wird er von seiner Verlobten Asma, einer in Großbritannien geborenen Syrerin, die er während des Studiums kennengelernt hat. Die beiden treten als nahbares, reformorientiertes Paar auf, das vor allem eines möchte: Menschen helfen.

2000 ist es dann soweit: Hafis al-Assad stirbt, Baschar wird mit nur 34 Jahren Staatspräsident. Auch hier zeigt der Film die menschliche Seite der Eheleute Assad. Sie lassen sich nicht herumkutschieren, sondern sitzen immer selbst hinter dem Steuer. Asma reist zu Beginn der Präsidentschaft ihres Mannes undercover durch das ganze Land, um ihr Volk und dessen Bedürfnisse kennenzulernen. Als Paar wirken die beiden entspannt, als würden sie einander guttun. Politisch sorgt Baschar al-Assad für Reformen und Pressefreiheit.

Rezension The House of Assad

Baschar al-Assad und seine Frau Asma bei einem Spaziergang in Paris, © Getty Images / Miguel Medina

Realpolitik und Psychoanalyse

Wo liegt also der Zeitpunkt, an dem sich alles verändert, an dem aus diesem hoffnungsvollen, jungen Präsidenten ein Diktator wird, verantwortlich für den Tod und die Vertreibung Hunderttausender? So richtig wird das in den drei Folgen der Serie nicht klar. Zwar ist die Rede von außenpolitischen Einflüssen wie George W. Bushs Krieg gegen den Terror, der auch Syrien zu erreichen droht, dem Kampf Syriens um Einfluss im Libanon und schließlich der Revolutionswelle, die durch die arabischen Länder geht. Diese Konflikte, so suggeriert der Film, hätten Baschar al-Assad zu realpolitischen Entscheidungen gedrängt und ihn härter gemacht.

Außerdem treten im Film immer wieder politische Weggefährten auf, die mehr oder weniger glaubwürdig Baschars familiäre Beziehungen analysieren: Seine Mutter habe ihn massiv unter Druck gesetzt, er sei als Kind nicht richtig geliebt worden, seine Frau sei zu modern für die Familie Assad gewesen.

Doch all das macht den Diktator eher noch zugänglicher, als dass es seine Grausamkeit erklärt. Je mehr man von dem Menschen hinter den Giftgasangriffen, den Foltergefängnissen und Massenmorden erfährt, desto schwerer ist es, diese Taten mit ihm in Einklang zu bringen. Man möchte fast glauben, er sei eine reine Marionette des Geheimdienstes und der Armee – wäre da nicht die eine Szene, in der ein ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter geschmuggelte Dokumente zeigt, die beweisen: Assads Unterschrift steht unter jedem Tötungsbefehl.

Rezension The House of Assad

Baschar al-Assad beim Treffen der Arabischen Liga in Ägypten, 2003 © Getty Images / Salah Malkawi

Mensch oder Monster

Der Film „Syriens Herrscher – das Haus Assad“ bietet einen Blick hinter die tragischen Nachrichten, die seit Jahren aus Syrien kommen, und stellt die Menschen vor, die dafür verantwortlich sind. Er verursacht ein gewisses Unwohlsein, wenn man plötzlich Sympathie oder sogar Mitleid mit Baschar al-Assad empfindet. Und er erinnert an Hannah Arendts Begriff der „Banalität des Bösen“, denn er vermittelt: Baschar al-Assad ist kein Monster, sondern ein Mensch. Dass Mensch zu sein den Mord und die Vertreibung Hunderttausender ausschließt, ist eine Illusion.

Syriens Herrscher – das Haus Assad“ (3 Episoden à 45 Minuten) ist noch bis zum 07. Dezember 2019 auf ZDFinfo verfügbar.