Eine Gruppe von Kindern spielt ausgelassen am Meer. Sie schwimmen, lachen, springen und toben am Strand umher. Je länger man der Eröffnungssequenz von Narimane Maris Spielfilm Loubia Hamra („Bloody Beans“, 2013) zuschaut, desto mehr taucht man ab in jene unbefangene Welt des Spiels und der Freude, die völlig losgelöst scheint von einem Algerien, das gerade erst 50 Jahre Unabhängigkeit und das Ende der französischen Kolonialherrschaft feierte. Mit Kindern aus Bologhine, einem armen Viertel von Algier, stellt Mari die Befreiung des Landes vom Kolonialismus nach. Die anarchische Kraft, die die Kinder in ihrem Spiel entfalten, übertrifft in ihrer Eindrücklichkeit die zahllosen, um das Jubiläumsjahr herum entstandenen staatlichen Auftragsproduktionen, die sich der Geschichte mit zumeist so heroischen wie uninspirierten Kostümfilmen zu vergewissern suchen. Loubia Hamra, der 2013 im Rahmen des Internationalen Filmfestivals in Marseille (FID) uraufgeführt wurde und preisgekrönt ist, lief in Berlin jetzt in der von Birgit Kohler kuratierten Reihe The Past in the Present – Neue Filme aus Algerien im Kino Arsenal.

Ein profaner Furz ist es, an dem die Strandidylle letztlich zerbricht. Die Kinder beschließen, gegen ihre schwer verdauliche Bohnenkost – das Mahl der Armen – zu rebellieren und ein Proviantlager des französischen Militärs zu überfallen. Zu Beginn verjagen sie einen Frauen prügelnden Europäer in einer Schweinsmaske und nehmen zur Krönung ihres Raubzuges sogar einen französischen Soldaten gefangen. Als sie ihn foltern wollen, ist die beste Methode, die ihnen einfällt, das verhasste Bohnengericht – die Titel gebenden Loubia Hamra. Doch bis es zum entscheidenden Showdown kommt, müssen die Kinder sich auf eine ungewisse Reise begeben, deren Höhepunkt ein surrealer Maskentanz auf einem christlichen Friedhof ist.

Wie geht man mit der Kolonialgeschichte um?

Die Stärke von Narimane Maris Debütfilm liegt nicht in der Vergegenwärtigung der vielschichtigen und auch gewaltsamen Aspekte des algerischen Unabhängigkeitskampfes, sondern vielmehr in der Unbefangenheit, mit der die Kinder sich diese Vergangenheit aus Erlebtem, Tradiertem und einem lose komponierten Drehbuch destillieren und aneignen. Wie geht man mit einer Geschichte um, die nicht abgeschlossen ist, deren Wunden bis heute noch schmerzen? Maskiert und mit Kriegsbemalung brechen die Kinder, allesamt Laiendarstellerinnen und -darsteller, die in einem langwierigen partizipativen Probenprozess gecastet wurden, zu ihrem Ziel auf. Die Mädchen sollen nicht mitkommen, sondern lieber für die Jungs beten, raunen die kleinen Krieger ihren Kampfgefährtinnen zu. Doch die kontern mit einem frei improvisierten Sturm der Entrüstung und erinnern aufgebracht an die weiblichen Befreiungskämpferinnen des echten Unabhängigkeitskrieges. Und so brechen schließlich doch alle gemeinsam auf.

Filmstill Loubia Hamra

In der Gruppe eignen sich die Kinder die Vergangenheit an. © Narimane Mari

Der schnellste Weg führt über jenen Friedhof, der mit seinen Engelsstatuen und riesigen Kreuzen für die Kinder noch einschüchternder ist als das schwer bewachte Militärlager. Die Franzosen werden schießen, soviel ist gewiss, was aber werden die Geister der Verstorbenen tun? Den Schrecken dieser Nacht begegnen die Kinder mit einer großen Offenheit und einer intuitiven Aneignung von Orten und Situationen. Im Friedhof werden sie selbst zu Statuen und angesichts des Feindes zu Katzen, um ihren Raub zu tarnen.

Der Raub kulminiert im Schattenspiel

Diese kindlich-animistisch inspirierte Perspektive auf die Geschichte öffnet eine surreale, beinahe magische Ebene im Film, die durch die unmittelbare Arbeit des Kameramanns Nasser Madjkane und den pulsierenden Soundtrack des französischen Elektro-Duos Zombie Zombie noch verstärkt wird. Die erbeuteten Nahrungsmittel und der Gefangene werden frenetisch gefeiert: mit Masken aus Papier, Stoff und anderen Utensilien stellen die Kinder in einem vor Energie überbordenden Schattenspiel das Erlebte nach. Die hart an die Wand geworfenen Schatten werden zu archaischen Charakteren, während die Grenzen zwischen Taten und Zeiten verschwimmen. In diesen Momenten des Loslassens und des Rausches transzendiert der Film das Spiel im Spiel zu einer Allegorie auf das Wesen der Freiheit und die Kraft der Gemeinschaft, die zu sich findet.

Durch das Wieder-Erfahren der Vergangenheit entwerfen die Kinder in Loubia Hamra sich in der Zukunft: Der Feind ist weg, aber die Probleme sind geblieben, so wie die Bohnen. Gleichwohl die Kinder auf Werte und Erfahrungen der Erwachsenen zurückgreifen, erschließen sie sich ihren eigenen Weg und verhandeln ihre Werte selbst – eine zutiefst beglückende Seherfahrung. Die Kinder spielen nicht „erwachsen“, sondern im Sinne von Antonin Artaud, dessen Zitat „Is it better to be than to obey?“ den Film beschließt, ist das Ringen um die Freiheit eine zutiefst ernsthafte, existenzielle Erfahrung. Aus der unbändigen Freude über das Erreichen des gemeinsamen Ziels wird eine Verantwortung, die den Zusammenhalt der Gruppe erneut auf die Probe stellt.

Offene Augen für Algeriens Widersprüche

Die franko-algerische Regisseurin Narimane Mari traut dankbarerweise sowohl ihren Protagonistinnen und Protagonisten als auch dem Publikum einiges zu. Sie gesellt sich damit in eine Reihe mutiger junger algerischer Filmemacherinnen und Filmemacher, die mit offenen Augen auf ein Land schauen, das tief in seinen eigenen Widersprüchen verstrickt ist. So entstanden in den letzten Jahren viele ungewöhnliche und aufregende Filme wie Loubia Hamra, die anders als in Frankreich hierzulande leider oft unter dem Radar laufen. Es ist diesen Filmen und ihren Macherinnen und Machern zu wünschen, dass sie auch in Deutschland ein breiteres Publikum finden.

Deutsch-palästinensische Filmwissenschaftlerin und Kuratorin.

2018-05-08T14:52:27+00:00