Langsam fährt die Kamera über ein Haus. Das Dach fehlt. Auf der ersten Etage steht lediglich der Rohbau für eine weitere. Doch das Haus ist kein Neubau. Bereits seit 1948 lebt die Familie von Kamal Aljafari darin –  seit sie aus ihrem eigenen Haus vertrieben wurde. Eigentlich gehörte ihre neue Wohnstätte einer anderen, ebenfalls vertriebenen palästinensischen Familie. Deshalb wurde das Haus nie fertiggestellt.

„Meine Eltern leben in der ersten Etage und die Vergangenheit lebt über ihnen“, kommentiert Kamal Aljafari diese Wohnsituation in seinem Dokumentarfilm The Roof. Damit ist seine Familie nicht allein. Vor 70 Jahren wurden im Rahmen der Gründung des Staates Israel laut UN mehr als 700.000 Palästinenserinnen und Palästinenser aus ihrer Heimat vertrieben. Besitztümer wurden enteignet, Wohnhäuser und Infrastruktur zerstört. Wer nicht das Land verlassen hatte, wurde teils zwangsumgesiedelt. Heute leben viele Palästinenserinnen und Palästinenser in der Diaspora, als Nachkommen all jener, die 1948 vertrieben wurden. Diese Katastrophe, auf Arabisch als „Nakba“ bezeichnet, wirkt bis heute nach in der arabischen Welt und weit über sie hinaus. Auch im palästinensischen Filmschaffen hat sie ihre Spuren hinterlassen.

Beim diesjährigen ALFILM Festival wurde mit einer Auswahl aus palästinensischen Filmproduktionen und zwei Vorträgen der Nakba gedacht. Neben The Roof (2006) liefen mit The Dream (1987) und Palestine in Sight: Hani Jawhariya (1976) zwei weitere Dokumentationen. Im Rahmenprogramm beschrieb Mohanad Yaqubi in einem Vortrag die Beziehung zwischen Palästinenserinnen und Palästinensern und ihrem Abbild in Spielfilmen und Dokumentationen. Für ihn ist es eine Chronologie des Verschwindens: So seien Palästinenserinnen und Palästinenser bereits mit dem Aufkommen der Fotografie verschwunden, da sie, wenn überhaupt, nur aus einer orientalistischen Perspektive abgebildet worden seien. Bilder aus der Zeit vor 1948 seien oftmals durch die Folgen der Nakba verloren gegangen. Erst mit eigenen Produktionen sei das palästinensische Volk wieder sichtbar geworden. Irit Neidhardt erklärte in einem zweiten Vortrag, wie es zur Film-Koproduktion der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) mit der DDR kam und wie diese verlief.

Ein Haus als Symbol einer gebrochenen Identität

Für The Roof kehrte Kamal Aljafari zu seiner Familie nach Ramla und Jaffa zurück, um zu zeigen, was für Auswirkungen die Nakba auf das Leben seiner Familie heute noch hat. In langen Kameraeinstellungen folgt das Publikum Gesprächen mit der Familie und erhält einen Eindruck von deren Alltag. Dabei fokussiert Aljafari vor allem auf die Architektur. Das eigene Haus wird zum Symbol einer gebrochenen Identität von Menschen, die sich nirgendwo richtig zugehörig fühlen. Daneben wird deutlich, wie sich der öffentliche Raum verändert hat und wie fragmentiert Aljafaris Heimat ist. Die Absurdität der Situation zeigt sich an einer Autofahrt, die fast schon Slapstick-Züge trägt: Gegen Ende des Films versucht Kamal die Mauer zwischen Jerusalem und dem Westjordanland zu passieren, stößt dabei auf eine Baustelle und Schlaglöcher, aber auf keinen zugänglichen Checkpoint. Ein kurzer Weg wird im Film zu einer langen Fahrt.

Während Aljafari das palästinensische Leben im israelischen Staatsgebiet dokumentiert, zeigt Mohanad Malas in The Dream den Alltag in den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon 1981. Während das Publikum zu Beginn des Films erfährt, woher die Protagonistinnen und Protagonisten kommen und wie sie geflohen sind, erzählen sie im Laufe des Films vor allem von ihrem Leben im Camp und ihren Träumen. Dabei entsteht ein surreales Bild, denn obwohl man Filmaufnahmen von Flüchtlingslagern sieht, erzählen die Interviewten, wie sie im Traum nach Palästina zurückgegangen oder verstorbene Menschen zurückgekehrt sind.

Hani Jawhariya und sein Palestine Film Unit

Palestine in Sight: Hani Jawhariya von Mustafa Abu Ali zeigt, wie der palästinensische Widerstand versuchte, diesen Traum von der Rückkehr in die Heimat zu realisieren. Ein wesentlicher Bestandteil war das „Palestine Film Unit“ der PLO, dessen Aufgabe es war, die Arbeit des Widerstandes zu dokumentieren. Abu Ali konzentriert sich in seinem Film vor allem auf den Kameramann Hani Jawhariya, der wesentlich an der Filmproduktion beteiligt war.

Vom palästinensischem Alltag im heutigen Israel, dem Leben in libanesischen Flüchtlingslagern und der Produktion von Widerstandsfilmen hat das ALFILM einen Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart der Nakba geschlagen. Im übrigen Programm haben die Langfilme Wajib von Annemarie Jacir und Saken von Sandra Madi sowie die Kurzfilme A Drowning Man von Mahdi Fleifel, Land of our Fathers von Ulaa Salim und Bonboné von Rakan Mayasi diesen Schwerpunkt um aktuelle Themen ergänzt.

Christina Heuschen

Deutsche Journalistin.

2018-04-20T15:39:38+00:00