In ihrem Film Doll kritisiert sie Kinderehen. In Wake Me Up zeigt Reem Al-Bayyat eine Frau, die in der Midlife-Crisis steckt. Während sie anderen Frauen heimlich das Tanzen beibringt, fühlt sie sich von der Gesellschaft verurteilt. Bei Filmfestivals in Madrid und Mailand wurde die saudische Filmemacherin dafür 2017 als beste Regisseurin in der Kategorie „Fremdsprachige Filme“ ausgezeichnet. Im Interview erzählt Al-Bayyat, wie sie ihre Kunst einsetzt, um die gesellschaftlichen Zustände in ihrem Land zu hinterfragen.

FANN: In Ihrem Kurzfilm zeigen Sie das Leben von Frauen in der saudi-arabischen Gesellschaft. Wie haben Sie Ihre Figuren entwickelt?

Reem Al-Bayyat: Natürlich zeige ich viel aus dem Leben von Frauen, die ich kenne. Ich habe versucht, ihren Schmerz in den Protagonistinnen des Films zu sammeln. Denn Frauen sind in Saudi-Arabien unsichtbar. Sie werden in eine Kiste gesperrt, die „Zuhause“ genannt wird. Männer dagegen sind sichtbar, auch außerhalb des Hauses. In Wake Me Up möchte ich zeigen, wie einsam Frauen dadurch werden können. Man weiß gar nicht, ob sie noch in der Realität leben oder sich schon eine Illusion erschaffen haben. Am Ende sind sie alle einsam und unsichtbar.

FANN: Wie reagieren saudische Frauen auf Ihren Film? 

Reem Al-Bayyat: Die Darstellerin der älteren Frau in Wake Me Up, die im Übrigen keine Schauspielerin ist, war begeistert. Sie hat mich sogar ermutigt, obwohl sie eine sehr große Familie hat, die sie nicht um Erlaubnis gebeten hat, um beim Dreh mitzumachen. Als ich ihr erzählt habe, dass ich den Film nicht auf YouTube hochladen werde, damit ihn nicht alle sehen können, sagte sie: „Nein, du musst das tun, was gut für dich ist und deinem Film hilft.“ Sie ist für mich eine große Stütze.

FANN: Wie geht Ihre Familie damit um, dass Sie als Filmemacherin arbeiten und kontroverse Themen ansprechen?

Reem Al-Bayyat: Schon als ich klein war, wurde ich von meiner Familie unterstützt. Ich kann mich daran erinnern, wie ich meinem Vater erzählt habe, dass ich Fotografie studieren will. Er sagte: „Wir haben genug Ärzte und Architekten in diesem Land. Wenn du Fotografin werden möchtest, dann kannst du das. Such dir einen Ort aus und geh’ studieren.“ Das hat damals alles für mich bedeutet, denn in Saudi-Arabien ist es nun mal so: Er ist der Mann. Mein Vater hätte einfach sagen können: „Halt den Mund! Wag’ es ja nicht, das Haus zu verlassen und eine Kunsthochschule zu besuchen.“ Das ist auch ein Grund, warum ich in meinen Filmen keine extremen Charaktere zeigen kann: Die Männer um mich herum, also mein Vater, meine Brüder, meine Cousins, respektieren mich. Sie wurden nicht so erzogen, Frauen als Stück Fleisch anzusehen. Daher kann ich Männer nicht pauschal verurteilen.

FANN: Trotzdem ist das Verhältnis von Frau und Mann in Ihren Filmen durchaus problematisch…

Reem Al-Bayyat: In Saudi-Arabien können Frauen sich nicht selbst ausdrücken – vor allem, wenn sie keine Künstlerinnen sind oder als Lehrerinnen, Chemikantinnen oder Ärztinnen arbeiten. Sie wissen einfach nicht, wie sie ihre Meinung sagen können. Ich habe mir erlaubt, die Stimme vieler Frauen zu sein. Weil ich eine Frau bin, kann ich ihre Gefühle nachvollziehen. Im Gegensatz zu Männern kann ich sie einfach übersetzen. Ich will eine weibliche Stimme aus jedem Beruf und aus jeder Perspektive heraushören.

FANN: Das Kinoverbot wurde in Saudi-Arabien gerade aufgehoben. Was bedeutet das für Sie?

Reem Al-Bayyat: Es war immer mein Traum, dass dieses Verbot aufgehoben wird. Nicht, weil ich unbedingt Hollywood im Land haben möchte. Natürlich ist auch das wichtig, aber ich möchte vor allem Filme aus Saudi-Arabien sehen. Ich will Menschen aus dem Norden und Süden, aus der Mitte, dem Osten und Westen Saudi-Arabiens sehen. Ich will ihre Kultur sehen und ihre Geschichten hören. Das gilt im Übrigen für jedes Land: Man lernt es durch seine Entertainment-Industrie kennen. Die Aufhebung des Kinoverbots ist also nicht nur für mich und andere Filmemacher wichtig, sondern auch für die Zuschauer.

FANN: Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund Ihre eigene Zukunft als Filmemacherin?

Reem Al-Bayyat: Ich denke als Künstlerin, nicht an den Markt. Mir ist Qualität wichtig, nicht Quantität. Deshalb werde ich auch nie Geld mit meinen Filmen oder meiner Fotografie verdienen. Ich mache mein Geld mit Mode. In der Kunst mag ich es nicht, wenn mir jemand sagt, was ich tun soll. Ich plane also nicht, viele Filme zu machen, und sehe mich nicht als kommerzielle Regisseurin. Ich möchte einfach meine Filme zeigen, durch sie vielleicht etwas verändern und Menschen an Orte bringen, an denen sie noch nicht waren.