FANN: Ihr Film „The Blessed“ spielt 2008 in Algier, sechs Jahre nach dem algerischen Bürgerkrieg. Was hat es mit diesem Jahr auf sich?

Sofia Djama: Mich haben zwei Gründe bewegt: Zum einen rief Präsident Bouteflika seine dritte Amtszeit aus und zum anderen war es 20 Jahre her, dass (junge) Menschen auf die Straßen in Algier gegangen sind, um gegen das damalige totalitäre Regime zu protestieren, das das eigene Land  ausgenommen und heruntergewirtschaftet hat. Meine beiden Protagonisten Amal und Samir gehören zu diesen jungen Protestierenden und waren Teil der Opposition, Teil der demokratischen Bewegung. Für sie waren die Jahre bis zum Beginn des Bürgerkrieges 1992 voller Hoffnung, die zerstört wurde. Im Jahr 2008 ist ihr Sohn Fahim ungefähr im selben Alter wie sie damals und war somit ein Kind, als der Bürgerkrieg ausbrach. In einem Alter, in dem er nicht protestieren hätte können. Während seine Eltern desillusioniert sind, gehört Fahim einer Generation an, die unbeschwerter sein kann und ist.

FANN: Sie selbst sind 1982 geboren, stehen also genau zwischen diesen beiden Generationen. Wie haben Sie sich dieser Protestbewegung und diesem Konflikt genähert?

Sofia Djama: Durch die Erinnerungen meiner Schwester und Freunde, die älter sind. Ich kenne viele Menschen, die Freunde und Familie damals verloren haben – ich selbst bin in einer Gegend aufgewachsen, in der weniger Unruhen waren. Dennoch mussten auch wir unser Leben um die Gefahren herum aufbauen. Angst lag ständig in der Luft. Während meiner Studienzeit hat mich dieser Stress wieder eingeholt, nachdem es Bombenanschläge bei mir in der Nähe gab. Es war dieses Gefühl, dem ich nachgegangen bin, als ich die Kurzgeschichte geschrieben habe, auf der mein Film basiert.

Sofia Djama

© privat

FANN: Von dieser Grund(an)spannung merkt man im Film zunächst wenig. Im Gegenteil: Wir lernen eine sympathische Familie aus der höheren Mittelklasse kennen. Und mit Amal und Samir ein Paar, das erfolgreich ist und scheinbar glücklich miteinander.

Sofia Djama: So sollte es sein, deshalb ist auch Fahim ein normaler Teenager, der einfach genervt von seinen Eltern ist. Ich wollte einen Film machen, der erstmal überall spielen kann. Mit dem Unterschied, dass ich von einem Land erzähle, in dem wenige Jahre zuvor ein grausamer Bürgerkrieg zu Ende gegangen ist. Die Gesellschaft ist posttraumatisiert, ohne dies benennen zu können. In diesem Algerien bin auch ich aufgewachsen.

FANN: Dieses Gefühl steckt bereits im Titel The Blessed, der recht doppeldeutig ist.

Sofia Djama: Ich hatte zunächst nur einen Arbeitstitel. Als klar war, dass der Film bei Festivals gezeigt wird und es hieß, entweder ich entscheide mich für einen oder der Vertreiber des Films tue das für mich, musste ich mir schnell etwas überlegen. Witzigerweise ist mit der Titel auf der Toilette eingefallen. Zunächst auf Arabisch, was mir sonst nie passiert, da ich eher auf Französisch arbeite. Der arabische Titel heißt übersetzt in etwa „Ich bin tot, weil ich mich so glücklich fühle“ – das ist sehr ironisch. Wir haben uns für eine französische Übersetzung entschieden, die biblischer ist: „Les Bienheureux“ meint eher: „Gesegnet seien diejenigen, die versuchen glücklich zu sein“. Und das ist auch das, was Amal und Samir versuchen, dabei sind sie alles andere als glücklich. Im Gegensatz zu ihrem Sohn und seinen Freunden Reda und Fehir, die das sein können.

FANN: Das hört sich nach einem fast unüberwindbaren Konflikt an.

 Sofia Djama: Die jüngere Generation in The Blessed ist viel unbefangener. Gut erkennbar an Reda, der gläubig ist, aber nicht radikal. In Amals Augen wiederum ist er beinah ein Extremist oder auf dem Weg dorthin. Sie hat eine andere Brille auf, die ihr es nicht ermöglicht, offen zu sein und zu akzeptieren, dass Reda einfach nur religiös ist. Seine Freunde haben diese Angst nicht und akzeptieren ihn.

FANN: In einem Artikel in der ZEIT habe ich gelesen, dass die Generation U30 in Algerien drei Themen habe: „Armut, Frust und Religion“. Wie stehen Sie zu dieser Einschätzung?

Sofia Djama: Es gibt wenige Entfaltungsmöglichkeiten, da die algerische Gesellschaft sehr konservativ und verschlossen ist. Religion ist natürlich sehr gegenwärtig und spielt eine große Rolle. Armut ebenso, nicht nur die finanzielle: Viele junge Menschen fühlen sich perspektivlos und arm an Möglichkeiten, da sie überall an Grenzen stoßen, die ihnen von der Gesellschaft auferlegt werden. Es gibt aber auch Gegenreaktionen, eine davon ist sehr sichtbar: Street Art ist eine Form des Ausdrucks und eine Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen.

FANN: Eine sehr starke Stimme in Ihrem Film hat Fehir, die – trotz ihrer jungen Jahre – bereits ein bewegtes Leben hinter sich und es alles andere als leicht hat.

Sofia Djama: … allerdings ohne, dass man ihr das anmerkt. Sie nimmt das Leben wie es eben kommt, ohne sich darüber zu beschweren oder sich selbst darin zu verlieren, und geht ihren eigenen Weg. In Fehir steckt wohl auch am meisten von mir selbst: Wie sie sich verhält, so habe auch ich mich in ihrem Alter verhalten. Allerdings wurde ich nicht im Bürgerkrieg verwundet, das ist fiktional.

Filmstill The Blessed

Amal (links) wird dargestellt von der algerischen Schauspielerin Nadia Kaci. ©ALFILM

FANN: Ein Frauencharakter, der für Sie die algerische Zukunft repräsentiert?

Sofia Djama: Algerische Frauen haben schon gegen die Franzosen und den Kolonialismus gekämpft. Viele wurden im Bürgerkrieg getötet. Heute sagen sie: Jetzt sind wir dran. Wir haben ja gesehen, wozu es die Männer gebracht haben: Diktatur und Totalitarismus. Das demokratische System muss weiblich sein, Demokratie und Freiheit sind schließlich keine geometrischen Variablen. Um frei zu sein, müssen alle frei sein, nicht nur ein Teil der Gesellschaft.

Beim 10. Arabischen Filmfestival ALFILM könnt ihr The Blessed am 05.04. um 21h (City Kino) sehen. Tickets gibt es hier.