Beim 18. Internationalen Literaturfestival Berlin (ilb) ist dieses Jahr – neben einigen anderen arabischsprachigen Autorinnen und Autoren – auch die syrische Schriftstellerin Dima Wannous zu Gast. In zwei Lesungen stellt sie ihren neuen Roman Die Verängstigten vor, der es in diesem Jahr auf die Shortlist des „International Prize for Arabic Fiction“ schaffte und im August in der deutschen Übersetzung von Larissa Bender im Blessing Verlag erschienen ist.

Dima Wannous wurde 1982 in Damaskus als Tochter des bekannten Dramatikers Saadallah Wannous geboren. Sie studierte französische Literatur und Übersetzung an der Universität in Damaskus und der Sorbonne in Paris. 2007 veröffentlichte sie den Erzählband Tafasil („Details“), der auf Deutsch 2014 unter dem Titel Dunkle Wolken über Damaskus erschienen ist. 2008 folgte der Roman Al Kursi („Der Stuhl“). Neben ihrem literarischen Schreiben arbeitet Wannous als Journalistin, unter anderem für den Fernsehsender „Orient News“, für den sie eine Sendung produziert und moderiert.

FANN: Die Verängstigten ist laut Ihrer eigenen Aussage ein Roman, der sich schwer schreiben ließ. Warum?

Dima Wannous: Es war mir nicht bewusst, dass ich ein Thema gewählt hatte, das so schwer zu Papier zu bringen ist. Ich wollte über Syrien schreiben, nicht über die Revolution. Aber weil ich eine schmerzvolle Zeit durchmachte, war es mir unmöglich, einen Roman zu verfassen, der rein gar nicht Bezug nimmt auf das, was geschehen ist. Ich entschied mich also, das Thema zu bearbeiten, das die meisten Syrer betrifft. Meiner Meinung nach gibt es 23 Millionen Syrer, die in ihrer Heimat vor der Revolution in Angst lebten. Der Schreibprozess war deshalb schwierig, weil er auch eine Art Therapie meiner eigenen Ängste war. Das war für mich persönlich sehr erschöpfend. Oft überkamen mich Depressionen und ich hatte Panikattacken während des Schreibens. Viele meiner Leser haben mir erzählt, dass sie beim Lesen dieselbe Panik oder Angst empfunden haben. Das ist wichtig, denn meine Leser und ich kehren gemeinsam zurück, um unsere Erinnerungen erneut zu durchleben. Wir sind Zeugen einer langen Phase der Angst, die wir in Syrien durchlebt haben.

Dima Wannous

„Es ist schwierig, ja unmöglich, sich der Angst zu entledigen.“ © Richard Sammour

FANN: Was ist mit der postrevolutionären Angst?

Dima Wannous: Die verschiedenen Formen der Angst manifestieren sich auf unterschiedliche Weise. Das geht bis hin zur Gewalt und Brutalität, die wir aktuell in Syrien sehen. Auch die entstehen aus Angst, doch das rechtfertigt sie natürlich nicht. Meiner Meinung nach ist es schwierig, ja unmöglich, sich der Angst zu entledigen, denn sie ist uns unter die Haut gekrochen und hat ihre Gestalt verändert. Ich erinnere mich beispielsweise an die unglaublich starke May Skaf, die täglich über das „Haus Assad“ schrieb. May, die Mutige und Unerbittliche, konnte keiner stoppen. Einmal fragte sie der Offizier, der sie in Syrien verhaftete: „Wer ist dein Lehrer und warum?“ Er fragte dies auf eine demütigende Art, um die Antwort „Baschar al-Assad“ zu erzwingen. Sie aber sagte: „Ich habe nur einen Lehrer und das ist Saadallah Wannous. Sag deinem Lehrer Baschar, dass May Skaf das Land nicht verlassen wird.“ Aber selbst May war verängstigt, als ich sie zum letzten Mal in Paris traf. Die Pariser Stadtverwaltung hatte sie kontaktiert und um ein Treffen gebeten. May dachte, sie habe irgendeinen Fehler gemacht. Daran sieht man, wie tief die Angst in sie eingepflanzt wurde vom brutalen syrischen Polizeistaat. Was wir mit der Luft in Syrien einatmen, ist schwer loszuwerden, auch wenn man außer Landes ist. Ich bin nun in London und total verängstigt. Weil ich in einem Rechtsstaat lebe, habe ich Angst, etwas falsch gemacht zu haben. Ich habe z.B. Angst vor Strafverfolgung oder einer Festnahme, weil ich meine Steuern oder Rechnungen nicht bezahlt habe. Wir Syrer haben Angst, selbst wenn wir im Ausland sind.

FANN: Gibt es nichts, was diese ständige Angst zähmen kann?

Dima Wannous: Ich habe mich abgefunden mit der Angst, die mich manchmal überkommt wie eine Panikattacke. Wenn ich mich fürchte, versöhne ich mich mit ihr und sage mir, dass das eben Angst sei. Ich will Angst haben, ich werde Angst haben – und nach einer Weile verschwindet sie dann. Ihr ins Gesicht zu sehen ist der einzige Weg, mit der Angst umzugehen, weil sie einfach nicht aufhört. Sie ist ein Kreis, in dem wir uns drehen, wohin wir auch gehen. Mittlerweile habe ich eine neue Angst, die ich vorher noch nicht kannte: die Angst um einen Ort. Ich habe keinen Ort. In Syrien werde ich gesucht wegen meiner politischen Meinung und weil Teile meiner Familie mir gegenüber feindlich eingestellt sind. Sie haben sich brutal verhalten, Morddrohungen ausgesprochen und Gewalt verübt. Wie kann man Frieden mit diesem Trauma schließen? Mit Hass! Zum ersten Mal in meinem Leben hasse ich, obwohl ich eigentlich gegen Hass bin. Ich liebe das, weil ich spüre, dass Hass die einzige Selbstverteidigung ist. Jeden Monat habe ich Angst, dass ich mit meiner Mutter und meinem Sohn die Miete nicht bezahlen kann. Diese Sorgen sind mit meinem neuen Lebensort verbunden. Wäre ich in meinem Land, hätte ich keine Angst davor, selbst wenn ich in einem Mietshaus lebte. Ich lebe jetzt aber im Nirgendwo und dieses Gefühl ist anstrengend. Es wird noch anstrengender, wenn Berlin wie Paris wird. Wenn man seinen eigenen Ort verlässt, scheinen alle anderen Orte gleich.

FANN: Gibt Ihnen der Schreibprozess den Raum zur Verarbeitung dieser Angst?

Dima Wannous: Nein, nicht zur Verarbeitung der Angst. Das Schreiben ist eine Verarbeitung des Lebens. Der Mensch findet in ihm seinen persönlichen Raum, um sich vor den Schrecken zu retten, der ihn umgeben. Schreiben ist sehr egoistisch, denn der Schreibende setzt sich hin, um ganz allein mit sich und für sich zu schreiben. Ich kann nichts weiter tun als schreiben, um nicht in eine tiefe Depression zu fallen.

FANN: In einem Zeitungsinterview haben Sie gesagt, Ihr Vater habe Ihnen als Kind den Glauben gegeben, dass sich alles im Leben ums Schreiben und Lesen drehe. Hat sich diese Einstellung verändert?

Dima Wannous: Gewiss dreht sich nicht mehr alles nur darum. Ich wünschte, ich könnte zurückkehren in die Zeit von damals, um wieder so viel zu lesen. Jetzt haben wir dafür keine Zeit oder Nerven mehr. Damals war die Stimmung in unserem Haus so: Mein Vater tat nichts weiter als dazusitzen, zu lesen und zu schreiben.

FANN: Sie selbst lesen sowohl auf Arabisch als auch auf Französisch. Empfinden Sie dabei einen Unterschied?

Dima Wannous: Bücher, die im Original auf Arabisch sind, lese ich auch auf Arabisch. Alles, was aus einer anderen Sprache übersetzt wurde, lese ich auf Französisch. Leider ist das Leseerlebnis von Übersetzungen ins Arabische – bei allem Respekt gegenüber den Übersetzern – nicht gut. Deshalb lese ich diese Bücher auf Französisch, auch weil mehr Bücher auf Französisch als auf Arabisch übersetzt werden. Das Leseerlebnis ist anders, weil die beiden Sprachen unterschiedlich sind. Französisch ist weniger poetisch als Arabisch. Es ist eine praktische und reizvolle Sprache, die in Komplexität und Wortschatz je nach Bildungsgrad des Sprechers variiert. Auf der Ebene des Wissens bereichert sie mich sehr. Dank ihr kann ich lesen, forschen und mich bilden.

Cover Die Verängstigten

© Blessing Verlag

FANN: Kann die Revolution in Syrien durch die Dokumentation persönlicher Erinnerungen verschriftlicht werden?

Dima Wannous: Es ist schwer, als Individuum über eine Gruppe zu schreiben, und ich bin eigentlich gegen Verallgemeinerungen. Während der ersten Lesung hier in Berlin fragte mich jemand aus dem Publikum, ob die Charaktere in meinem Roman die syrische Gesellschaft widerspiegeln. Meine Antwort darauf war: Diese Charaktere gleichen vielleicht einer Person oder mehreren, das Schreiben an sich ist aber kein Spiegel der Gesellschaft. Sicherlich erhöht es die Bedeutung des Einzelnen, denn jedes Wesen hat seine Geschichte. Erzählungen handeln von Individuen, nicht von Gruppen. Bei der gleichen Veranstaltung habe ich auch gesagt, dass z.B. die Palästinenser mit der Zeit literarisch und politisch zu einer Art „Thematik“ geworden sind. Wenn du heute zu mir sagst, dass du aus Palästina kommst, stelle ich mir das besetzte Land vor und nicht die Leute. Die Palästinenser sind zu einer Thematik geworden, alle Araber verteidigen sie. Auf den arabischen Flughäfen aber ist der einzelne Palästinenser eine Katastrophe und nicht willkommen – weder bei Regierungen noch bei normalen Menschen. Die Palästinenser sind zu einer Thematik geworden, sie sind keine Individuen mehr. Die Aufgabe eines Romans ist es, Thematiken zu erklären und die Menschen dahinter sichtbar zu machen.

FANN: Wie schreiben Sie heute im Vergleich zur Zeit vor der Revolution?

Dima Wannous: Ich habe nicht das Gefühl, in meinem Schreiben mutiger geworden zu sein. Ich merke aber, dass ich viel freier geworden bin, weil mich die Revolution auf persönlicher Ebene von vielen Dingen befreit hat. Die Revolution hat unter allen Syrern ein großes Vertrauen geschaffen, ein neues Selbstvertrauen, weil das syrische Wesen doch so instabil ist. Bis heute sind wir krank, gleichzeitig gibt es aber diese wertvolle Freiheit, die unser Leben verändert und uns die Dinge klarer und unmissverständlicher wahrnehmen lässt.

FANN: Vielleicht brauchen wir einen Zufluchtsort, um „nach Hause“ zurückkehren zu können. Wie kehren Sie im Exil nach Hause zurück?

Dima Wannous: Ich habe einen solchen Ort nicht gefunden. Ironischerweise habe ich, als ich meinen ersten Ort verlor und das realisierte, dennoch kein Gefühl von „Zuhause“ verspürt. Meine einzige Bindung an Syrien ist der Stuhl in meinem Haus, auf dem ich täglich saß. Das ist der einzige Ort, der sich wie mein Zuhause anfühlt. Das beruht auf dem Gefühl, dass jeden Moment alles verloren gehen kann, auch wenn einem das Haus gehört. Das Gefühl der Bindung an Syrien ist sehr fragil. Diesen ersten Ort vermisse ich trotzdem, den Stuhl in meinem Haus, den ich im Ausland nirgendwo gefunden habe. Vielleicht in Beirut ein wenig, aber nicht in London oder sonst wo. Vielleicht werden mit der Zeit auch einfach alle Orte temporär und fragil.

Übersetzung: Anna Steffen

Rasha Hilwi

Palästinensische Journalistin.

2018-09-14T16:31:32+00:00