Obwohl der palästinensisch-schwedische Lyriker Ghayath Almadhoun in Europa recht bekannt ist, musste das lyrikinteressierte Publikum in Deutschland lange auf einen Gedichtband von ihm warten. Im Februar ist nun die Sammlung Ein Raubtier namens Mittelmeer, in der Übersetzung von Larissa Bender, im Arche Verlag erschienen. Seine Lesereise durch Deutschland führt Almadhoun auf die Leipziger Buchmesse, nach Berlin und Hamburg. FANN hat mit dem Autor kurz vor seiner Lesung im Berliner Haus der Poesie (19.03. um 19h) gesprochen.

FANN: Wegen Ihrer Biografie wurden Sie vor allem als palästinensisch-syrisch-schwedischer Lyriker bekannt. Beeinflussen diese unterschiedlichen Identitäten Ihre Lyrik?

Ghayath Almadhoun: Ich bin in Syrien als Sohn eines palästinensischen Vaters und einer syrischen Mutter geboren, bin also Palästinenser. Seit zehn Jahren lebe ich in Schweden… aber eigentlich nicht wirklich, denn ich bin selten lange in Stockholm. Ich bin ein Reisender. Mein Haus ist zwar in Stockholm, aber meine Heimat ist diese Stadt nicht. Ich halte mich dort eine gewisse Zeit im Jahr auf, die restliche Zeit flüchte ich nach vorne. Ich habe nicht mehr die Kraft, mich der Realität zu stellen. Ich lebe den Moment und versuche das Chaos dieser verfickten Welt zu verstehen. Ich bin einer von denen, über die im Koran steht: „Siehst du nicht, dass sie in jedem Tal ziellos umherwandern?“ Das ständige Reisen gibt mir eine innere Stabilität. Das brauche ich, weil es für mich keine äußere Stabilität gibt. Vor der syrischen Revolution war ich in Stockholm sehr glücklich, aber nachdem ich traurig wurde, habe ich mir jeden Tag gewünscht, nach Damaskus zurückzukehren. Aber jetzt ist das Damaskus meiner Erinnerungen zerstört und die Menschen, die mich mit der Stadt verbunden haben, sind getötet worden. Ich habe beobachtet, wie die Welt versucht, einen Diktator, der Millionen getötet hat, wie Müll zu recyceln. Ich habe meine Wurzeln verloren und auch Stockholm entgleitet mir… Doch um zu Ihrer Frage zurückzukehren, ob so viele Identitäten meine Texte beeinflussen: Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass ich mehrere Identitäten habe. Im Gegenteil: Ich bin Araber, meine Kultur basiert auf der arabischen Sprache. Ich habe viel gelesen, alles auf Arabisch. Ich glaube, den größten Einfluss auf die Kunst hat der Raum. Es gibt verschiedene Gründe, an einen anderen Ort zu gehen: die Lust am Reisen, das erzwungene oder freiwillige Exil, Migration und Vertreibung, aber auch Literaturstipendien, Kulturaustausch und so weiter. Der Grund ist nicht wichtig, sondern was das Reisen mit einem macht. Ein Ortswechsel beeinflusst das kreative Schaffen. Man kann innerhalb einer Woche auf Reisen lernen, wofür man sonst Jahre bräuchte.

Ghayath Almadhoun Buch

Der Lyrikband „Ein Raubtier namens Mittelmeer“ von Ghayath Almadhoun ist im Februar 2018 im Arche Verlag erschienen.

FANN: In einem Interview haben Sie einmal den Einsatz von Metaphern in lyrischen Texten kritisiert, dennoch kommen sie in Ihren Werken vor. Ist das ein Widerspruch?

Ghayath Almadhoun: Ich habe nichts gegen Metaphern, wenn sie an der richtigen Stelle verwendet werden und einen ästhetischen Zweck erfüllen. Wenn sie einem Dichter helfen, das, was er sagen will, so prägnant wie möglich zu formulieren. Aber ich bin dagegen, wenn Metaphern aus politischen Gründen verwendet werden, um Menschen zu täuschen oder Angst vor einem politischen oder religiösen Führer zu schüren. Seit dem Scheitern der syrischen Revolution kann ich mit Symbolen nicht mehr so viel anfangen. Was ich überhaupt nicht mag, sind Metaphern, die nur auf der linguistischen Ebene operieren, aber das ist natürlich Geschmacksache.

FANN: In Ihrem neuen Buch fragen Sie, warum lebendige Menschen ertrinken, während Tote auf der Wasseroberfläche treiben. Diese Frage ist einerseits kindlich-naiv, zugleich aber berechtigt. Was meinen Sie damit?

Ghayath Almadhoun: Wir durchleben gerade sehr schwere Zeiten, denn seit sieben Jahren sieht die Welt dem Morden in Syrien schweigend zu. Die Syrer erleben heute, was damals die Juden erlebt haben. Die Geschichte wiederholt sich, wie Marx so schön sagt. Ich persönlich habe eingesehen, dass diese systematische Gewalt ein Teil der Menschheitsgeschichte ist. Dass aber auch die physikalischen Gesetze gegen die Syrer sind, das ist einfach zu viel: dass der Mensch untergeht, wenn er noch lebt, und oben treibt, wenn er tot ist, ist ein peinlicher physikalischer Fehler, auf den die Syrer lieber verzichtet hätten. Es fällt mir in letzter Zeit schwer, mich mit anderen Autoren zu treffen. Was, wenn sie eine einfache Frage stellen wie: „Wie geht es dir?“ Das erinnert mich sofort daran, dass es mir überhaupt nicht gut geht. Was soll die Antwort auf eine verbreitete Smalltalk-Frage sein, die zu einer existentiellen geworden ist? Unser Schmerz hat sich verändert und lebt mit uns in Europa. In meinem Gedicht Schwarze Milch versuche ich die Bitterkeit auszudrücken, die wir erlebt haben. Die Metapher der schwarzen Milch, die ursprünglich von Paul Celan stammt, wurde in der westlichen Literatur schon oft aufgegriffen. Ich bin aber kein Europäer und meine Gedichte sind auf Arabisch, also macht das nichts. Ich habe sehr viel über die Bedeutung der schwarzen Milch nachgedacht, seit ich das erste Mal Celan gelesen habe. Anfangs dachte ich, wie die meisten, dass Celan über das Morden in Auschwitz schreibt. Aber das war ein Irrtum. Die syrische Revolution hat mir gezeigt, was die schwarze Milch wirklich ist. Die schwarze Milch ist nicht die systematische Ermordung der Juden in den Vernichtungslagern, sondern das Schweigen der Weltgemeinschaft angesichts eines solchen systematischen Mordens. Heute ist sie das Schweigen der Weltgemeinschaft zur systematischen Ermordung der Syrer. Ich habe erkannt, dass die Europäer gelogen haben, als sie sagten, sie hätten nichts von den Taten der Nationalsozialisten gewusst. Man muss sie sich nur heute anschauen: Sie wissen von allem, was Assad tut, und rühren sich trotzdem nicht.

Ghayath Almadhoun

© Ramy Al-Asheq

FANN: Auf dem Cover der englischen Ausgabe Ihrer Lyriksammlung „Adrenalin“ steht, dass politische Lyrik genauso klingen müsse, wenn sie ernsthaft sein wolle. Sehen Sie sich selbst als politischen Dichter?  

Ghayath Almadhoun: Manche Menschen glauben, dass ich politische Gedichte schreibe, aber ich sehe das anders. Das ist keine Politik, sondern mein Leben. Ich glaube nicht, dass meine Lyrik politisch ist, doch mein Leben ist das Resultat politischer Umstände. Meine Gedichte handeln von meinem Leben. Sie sind eine Mischung aus Erinnerungen und Erfahrungen, betrachtet durch einen zerbrochenen Spiegel. Meine Gedichte zeigen den tiefen Abgrund in mir. Ich glaube, Dichter sind eine Art Richterskala, auf der man ablesen kann, wie sehr eine Gesellschaft von Krisen erschüttert wird.

Übersetzung: Hannah El-Hitami

Ramy Al-Asheq

Lyriker, Journalist und Chefredakteur des FANN Magazins.

2018-03-18T21:10:07+00:00