Die Stadt erwürgt mich, gestundete Katastrophen auf meiner kurzen Liste. Wie rette ich mich vor den Geschossen der Granatwerfer, die Kontinente überqueren, und vor den Raketen, die auf meine Träume prasseln mit tausend furchtbaren Szenarien?

Die Stadt erwürgt mich, ihre Form, ihr Ächzen und ihre Gassen ziehen sich zurück in die Erinnerung, während sich meine Schuhsohlen in den Vierteln einer anderen Stadt abreiben. Während die Nachrichten mich in dieser Stadt umbringen durch das, was ich höre und sehe, bleibt doch der Geruch jener anderen, in der ich Regen, Leben und ein Ächzen einer anderen Art rieche, deren Wunden mich nicht loslassen und in der ich nichts besitze – ich, die Fremde – abgesehen von meiner stillen Anteilnahme an den Wunden.

Die Stadt erwürgt mich und mit jedem Sonnenaufgang frage ich mich: Ist da eine andere Stadt? Schleicht sich eine andere als sie in mein Herz? Und ist das, was von ihr geblieben ist, wirklich in der Lage, sich selbst in mir zu erhalten?

Die andere – die andere Stadt – ist mal da und mal weg, scheint mal nah und mal fremd parallel zum Aufwachen und zur Trunkenheit. Ich habe wirklich kein ernsthaftes Problem mit dem Alkohol, außer dass ich mit ihm aufwache. Jeden Morgen die Erkenntnis, dass ich in meinem Haus bin und es doch nicht besitze, dass das Morgenlicht hier später leuchtet als ich es kenne, und dass ich wie jeden Tag an der Schwelle der Überraschungen stehe, von denen ich noch nicht eingesehen habe, dass sie Wahrheiten sind. Und immerzu blickt mich jene andere an, wenn ich nach dieser suche. So denke ich endlich: Dieser Kopf ist doch verrückt, beinahe verlässt er mein Herz.

Illustration Manuela Subeh

© Manuela Subeh

Diese Stadt erwürgt mich, in aller Ruhe, mit Millionen kleiner Erzählstränge. Wann immer ich irgendetwas in der anderen finde, springt sie in den Vordergrund meiner Vorstellungswelt. Sie schilt mich nicht und redet mir nicht zu, sie ist einfach nur da, schwer und schmerzvoll. Sie fesselt mich an eine idiotische Illusion, an eine trügerische Hoffnung. Und so gebe ich mich der Phantasie hin und verbreite sie unter den Anderen mit offenkundiger Fremdheit, um vor der Wahrheit zu fliehen, die meine Sinne bedroht, um die Schuld auf die Bierflasche zu schieben oder sogar auf das Telefongespräch mit meiner Mutter, das im falschen Moment kam.

Ich grabe in der Stadt der Eifersüchtigen und laufe nicht, ich lerne die Namen der Straßen und Gassen auswendig, um nicht verloren zu gehen. Ich wiederhole dieselben Orte, um einen Moment der erschöpften Stabilität zu schaffen. Keine Änderung des Weges – ich konzentriere mich auf Gesichter, ohne sie erkennen zu können. Ich verstehe, was gesagt wird, und doch könnte ich das Gesagte nicht wiederholen. In der Stadt der Anderen sehe ich andere wie mich, die sich die unkomplizierten Hauptstraßen entlang hangeln. Die bringen mir ihre Gedanken, die sich mit der anderen vermischt haben. Ich als Schriftstellerin der Gerechtigkeit gebe mich damit zufrieden, aufzuzeichnen, was sie sagen, ohne es auszuschmücken oder zu verringern – ich habe keine Meinung, bin lediglich verängstigt, bin Hänsel und Gretel ohne Brotkrumen, in der anderen, die sich langsam in mir niedersetzt, während ich mich daran gewöhne, mich nicht an sie zu gewöhnen.

Die Stadt erwürgt mich, gestundete Katastrophen auf meiner kurzen Liste. Sie stiehlt drei meiner fünf Sinne und lässt mir allein das Fühlen und Riechen, um damit die andere zu erkunden. Die Sinne lügen, die Wahrheiten lügen. Niemand sagt die Wahrheit, außer dieser Kopf, der das Gedächtnis in Brand setzt, vor dem ich mich fürchte, wenn er explodiert, und vor dem ich mich fürchte, wenn er aufgibt. In das Haus, das mein Haus ist, mein Haus, das ich nicht besitze, hänge ich Bilder der Stadt an die Wand. Ich versuche, seine Glut im Gedächtnis etwas zu lindern, und bewirke in Wirklichkeit das Gegenteil. Der daraus entstehende Schmerz gefällt mir, er fühlt sich an wie ein erwünschter Schmerz.

Die Stadt und die andere, sie sind beide Schatten des Gespenstes in meinem Kopf. Es kommt heraus vor Sonnenaufgang und erobert mich mit Fragen, vor denen es kein Entkommen gibt. Es ist eine einzige, bedrückende Frage: War die Stadt je meine Stadt?

Übersetzung: Benedikt Römer