Der Lyriker Faraj Bayrakdar, 1951 in Syrien geboren, verbrachte mehr als 14 Jahre in Tadmur und Sednaya, den zwei berüchtigtsten Gefängnissen des Assad-Regimes. Erst auf internationalen Druck hin wurde Bayrakdar aus der Haft entlassen. Anschließend veröffentlichte er mehrere Lyrikbände. Einige der in ihnen enthaltenen Gedichte hatte er während seiner Haft auf Zigarettenpapier geschrieben und aus dem Gefängnis geschmuggelt. Außerdem veröffentlichte er mit Die Treuebrüche der Sprache und Stille einen autobiografischen Bericht über seine Gefängniserfahrung. Faraj Bayrakdar erhielt zahlreiche internationale Literaturpreise und lebt heute in Schweden.

FANN: In Ihrem Buch Treuebrüche der Sprache und Stille, das 2007 in Schweden mit dem Tucholsky-Preis ausgezeichnet wurde, schreiben Sie: „Nach und nach bemerkte ich, dass die Poesie für mich der schönste Vogel der Freiheit war. Sie ist die höchste Übung der Freiheit und könnte (…) nie eingesperrt werden“. Gilt im Gefängnis vielleicht Lyrik als Ausdruck von Freiheit, außerhalb des Gefängnisses aber politisches Engagement?

Faraj Bayrakdar: Auf der persönlichen wie auch auf der öffentlichen Ebene entsteht Freiheit nicht spontan. Sie wird einem nicht schicksalshaft geschenkt. Freiheit fordert Opfer und muss geübt werden. Manche dieser Übungen sind geistig, andere sind politisch, sozial, wirtschaftlich, wissenschaftlich, künstlerisch, literarisch, psychisch usw. Seit meiner frühen Jugend mache ich verschiedene Freiheitsübungen. Am Anfang waren diese gegen meine Familie gerichtet, später gegen Gesellschaft und Religion, Autorität und Politik. All diese Übungen waren wichtig und notwendig, denn sie haben mir mehr Freiheit beschert. Die höchste Freiheitsübung ist die Lyrik mit ihren geflügelten Vorstellungen, die einem unendliche Möglichkeiten eröffnen. Sie besitzt sogar die Fähigkeit, sich von sich selbst und ihren Formen zu befreien. Die Lyrik, die ja an sich immer frei ist, übt sich selbst in dieser Freiheit und lehrt den Lyriker, während er schreibt, ebenfalls frei zu sein.

faraj bayrakdar portraet

© Ramy Al-Asheq

FANN: In Ihren Texten sprechen Sie häufig von Ihrem Gefängnisaufenthalt. Das erinnert ein wenig Mahmoud Darwisch und an die Art, wie er von seinem Exil sprach: „Wer bin ich ohne Exil?“ Inwieweit bestimmt die Zeit in der Haft Ihre Identität als Lyriker?

Faraj Bayrakdar: Als ich 1976 in Budapest studierte, habe ich ein klassisches Gedicht geschrieben, in dem es u.a. hieß: „Es gibt keinen Übersetzer zwischen mir und meiner Seele. /Das Exil ähnelt dem Gefängnis.“ 1995 in Sednaya schrieb ich das Blitzgedicht Kreise: „Im Exil/ bist du derjenige, /der um das Unheil läuft. /Im Gefängnis/läuft das Unheil/um dich.“ Seit Budapest und Sednaya sind Gefängnis und Exil für mich zwei Seiten einer Medaille. Ich habe ungefähr 14 Jahre im Gefängnis verbracht. Wenn Sie die letzten zwei Male dazuzählen, sind es sogar mehr. Ich bin so gesehen das Produkt von Haft und Exil. Diese zwei Perioden sind die längsten und unbeweglichsten meines Lebens. Auch wenn mir das Exil viel leichter fiel, konnte ich im Gefängnis mehr Lyrik schreiben. Das gilt besonders für die letzten sieben Jahre, weil ich mich seit dem Ausbruch der Revolution in Syrien auf andere Dinge konzentriere, z.B. Artikel und Lieder schreiben, an Literatur- und Kunstfestivals teilnehmen oder Interviews geben. Das alles bedeutet aber nicht, dass Gefängnis und Exil Teil meiner Identität oder Existenz geworden seien. Sie gestalten mich eher sporadisch. Ich habe noch Erinnerungen an eine Zeit jenseits von Gefängnis und Exil. Sie schenken mir meine menschliche Identität und helfen mir, nicht in ein Loch zu fallen.

FANN: In Sednaya sind sie dem Tod in allen möglichen Formen begegnet. Trotzdem schreiben Sie über das Leben als gäbe es keinen Tod. Ist das ein Reflex oder eine bewusste Entscheidung?

Faraj Bayrakdar: Während meiner Haft haben Freunde und Genossen sich über meinen Optimismus lustig gemacht. Einer nannte mich einen „historischen Optimisten“, ein anderer „Vater des Optimismus“. Ich musste einfach ein normales Leben führen. Hätten sie mich getötet oder wäre ich einfach so gestorben, hätte dieses Ereignis nur in seinem Kontext verstanden werden sollen. Es gibt keinen Grund, die ganze Zeit über den eigenen Tod nachzudenken. Ich bin der Überzeugung, dass das Leben stärker als der Tod ist, auch wenn letzterer am Ende der größte Tyrann ist.

FANN: Überschattet Ihr Bild als politischer Häftling und Aktivist jenes von Ihnen als Lyriker?

Faraj Bayrakdar: Vielleicht war das während meiner Haft so, seitdem hat sich das geändert. Was überzeugt eine Komponistin und Opernsängerin, aus 24 Gedichten in meinem Buch Spiegel der Abwesenheit ein Musikprojekt zu entwickeln? Der Grund war die Ähnlichkeit meiner Gedichte mit der Winterreise von Schubert – und das obwohl meine Texte vom Gefängnis handeln. Seit ich aus dem Gefängnis entlassen wurde, habe ich mich nirgendwo als Aktivist vorgestellt und keine politische Arbeit gemacht.

FANN: Ihre Werke wurden in verschiedene Sprachen übersetzt, u.a. auch ins Deutsche. 2001 waren Sie der erste Syrer, der ein Autorenstipendium der Heinrich-Böll-Stiftung erhielt und im Heinrich-Böll-Haus in Langenbroich lebte. In Deutschland gibt es viele arabischsprachige Menschen; die arabische Sprache und Kultur werden immer präsenter. Was denken Sie darüber?

Faraj Bayrakdar: Deutschland hat wie alle anderen Länder auch seine guten und schlechten Seiten. Meine eigene Erfahrung legt es mir nahe, Deutschland zu mögen. Persönlich war für mich Deutschland das erste Land, das das syrische Regime dazu gebracht hat, mir einen Reisepass auszustellen. Deutschland ist auch eines der wichtigsten Länder, die syrische Geflüchtete empfingen, trotz einiger Probleme. Es wird in Zukunft eine große syrische Diaspora geben, die Rechte, aber auch Pflichten haben wird. Ich wohne nicht in Deutschland und kenne mich mit den Regeln hier nicht so gut aus. Es wäre jedoch inakzeptabel, wenn Deutschland seinen Pflichten gegenüber den Syrerinnen und Syrern nicht nachkäme.

FANN: Wie bewerten Sie die Lyrik, die Sie im Gefängnis geschrieben haben, aus literarischer Sicht? Sind Sie mit Ihren Texten als Kunstwerke zufrieden, mal ganz abgesehen von ihrem historischen und menschlichen Wert?

Faraj Bayrakdar: Ich bin allgemein unzufrieden mit den Gedichten, die ich vor, während und nach der Haft geschrieben habe. Ich bin der Überzeugung, dass man immer noch kreativer sein könnte. Zufriedenheit ist unmöglich, sie ist das Merkmal der Unambitionierten. Meine Meinung von mir selbst wird immer befangen sein. Sollen die anderen sagen, was sie von meiner Lyrik halten. Das ist deren Sache, nicht meine.

Übersetzung: Ibrahim Mahfouz