In diesem Land bringen Schuhe uns in Verlegenheit.

Schuhe, die wie ferne Kugeln knallen, wenn sie nachts die Haustreppe hinuntersteigen. Vor den Türen der Ärmsten in den Slums legen Kinder ihre Plastiksandalen ab. Auch abgenutzte Männerschuhe, billige Frauensportschuhe stauen sich ohne erklärlichen Grund vor der Wohnungstür. Fehlen den Bewohnern etwa Schuhschränke oder will die Hausherrin ihre Fliesen nach einer gründlichen Reinigung sauber halten? Der am Fuß der Treppen angesammelte Wirrwarr deutet auf einen anderen Grund als Hygienebesessenheit hin.

Dieselben Schuhe, die in Friedenszeiten hinter rebellischen Kindern her geworfen werden, lösen sich im Krieg schnell auf, weil sie überlastet werden. Sie zerreißen, entzweien sich, schreien vor Wut, als seien sie überhitzt worden. Manche führen das auf die schlechte Qualität zurück. Andere behaupten, Schuhe seien nicht für solche Strapazen gemacht.

In öffentlichen Bussen hat man nicht die Gelegenheit, sich in die Augen zu schauen. Jeder starrt auf seine Schuhe. Dicht aneinandergereihte Schuhe, willkürlich nebeneinander schweigende Schuhe von armen Menschen und jenen aus der unteren Mittelschicht. Im Bus erkennt man die Menschen an ihren Schuhen: „Es ist leichter für mich zu ertragen, wenn man mir auf den Kopf tritt, als wenn man mir auf die Schuhe tritt“, sagt mein Freund, der Dichter. Er nimmt ständig einen Schwamm mit, um seine braunen, in einem europäischen Second-Hand-Laden gekauften Schuhe im Notfall zu putzen. Sie seien aus echtem Leder und hätten es verdient, respektiert und liebevoll behandelt zu werden. Deshalb müsse man sie von weißen chinesischen Sportschuhen und Sandalen fernhalten, auch von den riesigen, schmutzigen Stiefeln der Soldaten im großen Bus. Denn die liebten es besonders, einem auf den kleinen Zeh zu treten, als ob sie den Mann in Jeans und weißem Hemd am Ohr ziehen wollten.

Illustration Reem Yassouf

Ohne Titel. © Reem Yassouf

Soldatenstiefel marschieren durch den Bus, hinterlassen ihre Spuren auf jedem der Schuhe, die wie Statisten rechts und links strammstehen. Normalerweise meiden Schuhe einander. Sie alle kennen ihren Wert und ihre Stellung. In den Augen armer Betrachter sind sie sogar weiser als ihr Eigentümer, der versehentlich mit teuren Schuhen oder gar Soldatenstiefeln kollidieren könnte.

Böse Zungen behaupten, Frauen würden einen Mann an seinen Schuhen messen. Wenn einer Nike- oder Pumaschuhe trage, werde er gut angesehen. Frauen liebten Marken und Labels, weil diese die Abstammung und Macht eines Schuhs verrieten. Man stelle sich nur einmal Männer in Krawatte, aber in schmutzigen Schuhen vor! Frauen sagten, sie starren auf Schuhe, weil diese das Innere eines Mannes ans Licht brächten, ihn bloßstellten und seine Größe, seine Geheimnisse verrieten.

In diesem Land kämpfen Schuhe gegen Straßen. Gegen jähe Gruben und Glasscherben, gegen Splitter, Schrauben, Kiesel, spitze Steine und Bolzen. All diese Gegenstände, die nach einer Bombardierung herumliegen, sind die Erzfeinde aller Schuhe. Zarte Schuhe, deren Besitzer kein Geld für die Anschaffung neuer Sohlen haben, um sie vor scharfen Spitzen zu schützen, die auf den Straßen lauern, und die den ganzen Tag lang weite Strecken zurücklegen.

Es wird sogar erzählt, Geliebte näherten sich auf der Straße über ihre Schuhe an. So werde der Weg für Beziehungen geebnet, die in von Krieg, Spaltungen und Konflikten geprägten Zeiten als erfolgreich betrachtet werden. Der Schuh verständige sich mit seinem Bruderschuh ohne Floskeln, Etikette oder auf die Nationalität oder Konfession des anderen zu achten. Und wenn sich Füße liebten, könnten sich auch Feinde, Hirne und Herzen verständigen.

In diesem Land bringen Schuhe uns in Verlegenheit.

Übersetzung: Kameran Hudsch