Wir beiden waren keine Gegner, und trotzdem unterlag ich ihm. Er gewann, indem er in meiner Wohnung mehr hinterließ als er bekam.

Auf seiner Oberlippe war noch kein Flaum gewachsen. Er hatte seine Kindheit gerade mit einer Leichtigkeit hinter sich gelassen, wie man sich des Druckes von Schule und großen Ambitionen entledigt. Mit ebendieser Leichtigkeit erschien er an meiner Wohnungstür, ein unerwarteter Gast mit ausgestreckter Hand. An die Hände anderer Gäste, die Geschenke überreichen würden, erinnerte nur die Bewegung seiner Finger, die er zaghaft aus der Tasche seiner schmutzigen dünnen Weste zog, um sie mir zitternd vor Kälte entgegenzuhalten.

„Meiner Familie ist kalt und sie möchte etwas essen, wenn ich von meinem Rundgang bei euch zurückkomme.“

Das Schönste war seine Stimme. Diese Stimme, die das Betteln geübt hatte und die vom Genuss erster Zigarettenzüge rau war.

Mich fasziniert diese Schar von Bettlern, die der Krieg hervorgebracht hat. Früher gab es nicht so viele in meiner kleinen Stadt. Eine seltsame Faszination, ich weiß, doch sie umgibt mich wie ein wirkmächtiges Amulett. Wenn ich den Bettlern begegne, werde ich zu einem Maulwurf, der nur seinen feinen Ohren traut. Ich lausche ihren Stimmen, wenn sie um Verständnis und wenn möglich Mitgefühl werben, bevor sie um Geld oder eine andere Gabe bitten.

Hamads Stimme hob sich aus dem Chor der Bettlerschar ab. Seine Melodie war eine andere als deren übliche abgedroschene Hymne, die sie alle, wenn auch in unterschiedlicher Stimmlage und mit einem unterschiedlichen Grad an Selbstsicherheit, Präsenz und Überzeugungskraft vortrugen.

Illustration Ossama Diab

© Ossama Diab

Hamad, ein Name wie aus der Zeit gefallen! Er verriet mir, dass er ein Vermächtnis seines Großvaters sei und dass er zusammen mit diesem Namen das Vertriebensein geerbt habe. Vertrieben aus Tiberias in ein Zelt, das sich schon Jahrzehnte vor Hamads Geburt im Yarmuk-Lager in ein stattliches Haus verwandelt hatte. Hamad aber wurde erneut vertrieben. In einer Stadt, von der er nie zuvor gehört hatte, lebte er seit einem Monat in einem Zelt. Diese Fluchtgeschichte zweier Generationen nahm zwei Minuten seiner Zeit und zwei Zeilen auf meinem Bildschirm in Anspruch.

Da sitzt Hamad auf meinem weichen Sofa. Seine Augen schweifen im Zimmer umher und verweilen demütig vor den lodernden roten Flammen im Ofen. Sie betrachten ein wohlgeordnetes, bequemes Leben. Sein Blick steigt mit der Wärme zur Decke. Schon schön, so ein Haus mit Dach! Und dann auch noch ein Dach, durch das kein Regen hereintropft und einem die Sessel und den farbenreichen, dicken Teppich kaputtmacht. Hamad schlägt die Augen nieder und lässt die Atmosphäre des Raumes wie ein Lied auf sich wirken. Er vergegenwärtigt sich eine traute Vergangenheit, die ihm aber schon vorkommt wie aus einem anderen Leben. Das Leben vor der Vertreibung.

„Hier sind warme Teigtaschen, du bist doch sicher hungrig“, sage ich. Aber seine Augen streifen nur kurz das Essen und weichen schnell wieder aus, um Tränen vorzubeugen, die seinen Hunger oder doch zumindest seinen Appetit auf etwas Leckeres, Frisches, Warmes, Sättigendes offenbaren würden.

„Ich kann hier nicht essen, während meine Familie wartet“ Aus seiner heiseren Stimme wird eine stolze, die Stimme eines Ritters, der sich zu einem Kampf bereit macht. „Ich habe hier Äpfel und kandierte Mandeln im Beutel, aber ich habe nichts davon angerührt. Ich warte, bis ich zurück im Lager bin.“

„Dann trink wenigstens Tee. Reichen drei Löffel Zucker für die kleine Tasse?“

„Sagen wir vier.“ Seine Stimme klingt verträumt bei dem Gedanken daran, wie sich der Zucker in der Tasse mit dem heißen Tee anhäuft.

„Darf ich ihn selbst verrühren?“ In seinen Fingern kreist der Löffel, dem regelrecht schwindelig wird vom feierlichen Tanz im Zucker.

Hamad sieht mich nicht mehr. Er ist jetzt der Hausherr, der dieses Zuckerbankett gibt. Verzückt vom Klingen des Löffels senkt er den Blick erneut und nimmt behutsam den ersten Schluck. Seine Lippen schließen sich berauscht von der Wärme in seinem Mund, und mit der Gelassenheit eines Beduinen kurz vorm Mittagsschlaf trinkt er weiter. Jeden Schluck zieht er so gut er kann in die Länge, der Zucker umarmt die Geschmacksknospen auf seiner Zunge, und er wünscht sich, dass dieser Genuss nie enden möge. Und ich wünsche mir, als er weg ist, er hätte die Schlüssel zu solch kleinen Genüssen neben der leeren Teetasse auf dem Tisch liegenlassen.

Dieser Text wurde im Rahmen der 1. Arabisch-deutschen Übersetzungswerkstatt unter Leitung von Dr. Günther Orth von Mahadi Ahmed, Lama Al-Haddad, Yasmin Al-Iriani, Hannah El-Hitami, Isabelle Felenda, Tim Friedrich, Katrin Köster, Ibrahim Mahfouz, Anna Steffen und Souhaib Zammel gemeinsam ins Deutsche übersetzt. Gefördert durch den Deutschen Übersetzerfonds.