Bei Lyrikübersetzungen gibt es kein „richtig“ oder „falsch“, sondern nur verschiedene Möglichkeiten. So kann ein einzelnes Gedicht in der Übertragung ganz unterschiedliche Formen annehmen. An den folgenden drei Versionen des Gedichts „Häuser“ von Taher Riad lässt sich im Detail ablesen, wie reich die verdichtete Sprache des Originals ist.

Häuser – Stein auf Stein,

verschlossener Raum, taumelnde Vorhänge, schweißnass die Betten, die Laken trocken, auf den Sofas gebauschte Kissen. Stühle an Tischen und abgerückt – Leere

Gesichter,

von Lebensgeschichten verschüttet.

Häuser – Schränke gekleidet

in Nacktheit,

die Garderobe verhangen vom nächtlichen Treiben draußen.

In Schubladen schlummern Gefäß und Geschirr, polierte Messer, erlesene Löffel; die Regale vollgestellt: Kaffee, Tee, Thymian, Öl, Essig, Süßes, Bitteres.

Häuser – Behältnisse,

die uns nähren, dann verzehren,

uns kleiden, dann entkleiden.

Wir sammeln Dinge, Stück für Stück,

lenken uns ab.

Was denken die Wände von uns? Wir haben Angst.

Brechen sie über uns zusammen?

Wir stützen sie mit Talismanen

und Bildern.

So sind alle Häuser,

Höhlen, Fenster schwenken hin und her,

Türen springen auf und zu.

Verängstigte Menschen wohnen hier,

werden besucht von Angsterfüllten.

Häuser – Gräben,

und ich hielt sie für Bäume.

Häuser, also Stein trägt Stein,

darauf ein Stein.

Häuser, erstickter Raum, verhangen. Gardinen wandern umher. Matratzen schwitzend, Laken trocken. Auf Sofas, geplustert, Kissen. Stühle, nah an Tischen, weit von Tischen, lassen Freiräume entstehen, vertreiben, was die Geschichten ersticken

Häuser,

verhüllte Schränke

nackte Kleider

Haken, schwer vom Qualm der Straßen und der Abende

Fächer, darin schlummernd Töpfe und Teller,

Löffel, blanke Messer;

Regale, darauf Gewürze, Kaffee, Tee, Thymian, Öl, Essig, Süßes, Saures

Häuser, also Behälter

die uns füttern und dann fressen

Behälter für Sachen, die wir anlegen, die uns ablegen

für Dinge, die wir zusammenfügen, Stück um Stück

die uns trennen, Stück um Stück

für Wände, die wir fürchten

fürchten, was sie über uns denken, fürchten, dass sie uns begraben

wir halten sie aufrecht mit Zauberspruch

und Bild

Alle Häuser,

Höhlen mit Fenstern, klappen auf, klappen zu

mit Türen, die sich drehen zwischen Ein und Aus

bewohnt von Menschen in Angst

besucht von Angstmenschen

Häuser, also Gruben

für Bäume hielt ich sie!

Illustration Anas Salameh

Ohne Titel. © Anas Salameh

Häuser

Stein

ruht auf Stein.

Häuser, undurchdringlicher Raum Vorhänge zugezogen geistern herum Betten schwitzend die Laken trocken Sofas beladen mit plüschigen Kissen Stühle an den Tischen und abseits davon

züchten Leere, löschen Erlebtes.

Häuser, Schränke gehüllt in nacktes Gewand Kleiderhaken schwer von Straßenstaub und abendlichem Qualm Schubladen darin schlafend Gefäß und Geschirr glänzende Messer erlesene Löffel Regale bepackt mit Gewürz Kaffee Tee Zatar Öl Essig süß und bitter

Häuser, Behälter für unser Essen das uns frisst Anziehsachen die uns ausziehen Kleinkram gesammelt Stück für Stück unser Auseinanderdriften nach und nach die Angst von den Wänden beurteilt die Sorge unter ihnen begraben zu werden

Wir stützen sie mit Beschwörungsformel

und Bild.

So sind alle Häuser,

Höhlen mit Fenstern in ständiger Bewegung,

über die Schulter blickenden Türen,

ängstlichen Bewohnern,

verängstigten Besuchern.

Häuser, folglich Gruben

und ich hielt sie für Bäume.

Dieses Gedicht wurde im Rahmen der 3. Arabisch-deutschen Übersetzungswerkstatt unter Leitung von Leila Chammaa von Mahadi Ahmed, Noha Abdelrassoul, Raied Al Darwish, Yasmin Al-Iriani, Tarek Mahmoudi, Ava Nojoumi, Jessica Siepelmeyer und Souhaib Zammel gemeinsam ins Deutsche übersetzt. Gefördert durch den Deutschen Übersetzerfonds.