Der libanesische Lyriker Wadih Sa’adeh betrachtet die Sprache als seine Heimat. Worte seien für ihn das schönste Exil, denn das Zuhause, so Sa’adeh, liege im Innern des menschlichen Wesens und sei keine bloße geografische Angabe.

Sa’adeh hat bislang mehr als 12 Gedichtsammlungen veröffentlicht und ist einer der bekanntesten Lyriker, die ab den 1970er-Jahren einen neuen Trend zur Prosadichtung auslösten.  Er verwarf die gebundene Rede, entwickelte neue Schreibtechniken, erweiterte seinen lyrischen Wortschatz und fügte seinen Texten neue Elemente hinzu, die es vor dem Auftreten der „Neuen libanesischen Schule“ ab Ende der 1950er und der Entstehung des Magazins Shiar (auf Deutsch „Dichtung“) nicht gab. Sa’adeh lebt seit 1988 in Australien.

FANN: In Ihrer Lyrik überwiegen Motive wie Tod, Einsamkeit und Nostalgie. Hängt diese Einsamkeit zusammen mit dem Wunsch, die Vergangenheit wiederzubeleben, oder öffnet sie Ihnen eine Tür zu Reflexion und Selbsterkenntnis?

Wadih Saadeh: Ich glaube nicht, dass in meiner Lyrik der Wunsch, die Vergangenheit wiederzuerwecken, stärker überwiegt als der Blick auf die Gegenwart und in die Zukunft, mit all ihrem Schmerz, ihrer Ungerechtigkeit und Hoffnung. Es ist vielleicht weniger eine Sehnsucht nach der Vergangenheit als nach der verlorenen Unschuld der Kindheit. Was die Einsamkeit betrifft, so denke ich, dass wir alle isoliert sind, selbst wenn wir uns in einer Menschenmasse befinden. Möge diese Einsamkeit für uns alle eine Tür zu Reflexion und Selbsterkenntnis sein.

Wadih Sa'adeh

© Danielle Kassouf Beaini

FANN: Welche Welt wollten Sie in Ihrer Gedichtsammlung Eine andere Darstellung des Lebens von Wadih  Sa’adeh erschaffen?

Wadih Saadeh: Ich wollte das Leben erschaffen, das ich mir erträumte. Aber das ist nichts als ein Traum oder eine Illusion…

FANN: Es wird gesagt, Sie hätten Ihre frühen metrischen Gedichte in Stücke gerissen, um sich mehr Raum und Freiheit zu verschaffen. Wurzelt die arabische Prosadichtung im Drang zu Rebellion und Freiheit – und nicht etwa in der europäischen Prosadichtung, die ja zeitlich früher begann?

Wadih Saadeh: Ja, ich habe meine metrischen Gedichte zerrissen und Prosagedichte verfasst, weil ich den Drang zu rebellieren verspürt und mich nach Freiheit gesehnt habe. Ich denke, jedes Gedicht ist eine Rebellion und der Ausdruck einer Sehnsucht nach Freiheit. Ounsi el-Hajj und die anderen Lyriker des Magazins Shiar haben aus dem gleichen Grund Prosagedichte geschrieben, waren aber auch von der westlichen Dichtung und den Theorien Suzanne Bernards beeinflusst. Sie konzentrierten sich in erster Linie auf die Form des Gedichts. Ihre Nachfolger schlugen dann den Weg in die Moderne – in einem weiteren Sinne – ein.

Wenn der Absatz von Romanen größer ist als von Lyrikanthologien, so bedeutet das nicht zwangsläufig, dass Romane literarisch mehr zu bieten haben.

FANN: Sie meinten einmal, der Begriff „Zuhause“ sei nicht im geografischen Sinne zu verstehen. Dennoch haben Sie den Duft der Erde Ihres libanesischen Heimatdorfes in einem kleinen Bett im Garten Ihres australischen Hauses gesucht. Wie erklärt sich diese Diskrepanz zwischen Ihren Überzeugungen und Gefühlen? Stellt der poetische Text eine alternative Heimat für Sie dar, auch wenn er imaginär ist?

Wadih Saadeh: Ich sehe das Zuhause als einen inneren Ort und keinen äußeren. Es ist in uns und wir nehmen es mit uns, egal wohin wir gehen. Was den geografischen Aspekt anbelangt, so denke ich nicht, dass überhaupt jemand noch sagen kann, ein geografisch bestimmter Ort sei „sein wahres Zuhause“. Das bedeutet in gewisser Weise, dass alle Orte zum Exil geworden sind. Das Beet mag eine kleine, hypothetische Kompensation eines abwesenden Ortes sein. Die Dichtung ist auf ihre Art die imaginäre Kompensation dieses Ortes.

FANN: Die Romanform hat in den letzten Jahrzehnten eine immer größere Präsenz entwickelt. Manche sagen, sie habe die Lyrik abgelöst. Leben wir in einer Zeit der Romane und nicht der Gedichte?

Wadih Saadeh: Ich denke nicht, dass dies eine Zeit der Dichtung, der Romane oder allgemein der Literatur ist. Wenn der Absatz von Romanen größer ist als von Lyrikanthologien, so bedeutet das nicht zwangsläufig, dass Romane literarisch mehr zu bieten haben.

Es besteht kein Zweifel, dass Diktatoren gestürzt werden müssen, doch leider ist etwas anderes passiert.

FANN: Stimmen Sie mit Adonis überein, der sagte, man müsse zuerst die Gesellschaft verändern, bevor es zu einem Regierungswechsel kommen kann? Wie erklären Sie sich, dass viele große Namen der arabischen Literatur sich hinter Regimen verbarrikadieren, die ihre Bevölkerungen ausrotten und ihre Länder in blutige Kriege verwickeln?

Wadih Saadeh: Das Problem der arabischen Revolutionen ist, dass sie mit rechtmäßigen Forderungen begonnen haben, diese jedoch ausgenutzt wurden und es zu Blutvergießen, Vertreibung, Flucht, Unterdrückung und der Gründung neuer Diktaturen kam. Es besteht kein Zweifel, dass Diktatoren gestürzt werden müssen, doch leider ist etwas anderes passiert.

FANN: Welche Fertigkeiten brauchen arabische Intellektuelle, um neue Ideen zu entwickeln und nicht einfach alten Ideen zu folgen?

Wadih Saadeh: Der Intellektuelle muss immer für Freiheit, Demokratie, Recht und ein würdevolles Leben eintreten. Er muss ein Kritiker der Regierung oder der Staatsgewalt sein, wenn sie gegen diese Werte verstößt, und darf niemals aufgeben, egal wie verlockend das scheinen mag.

FANN: Wie hängen politisches Bewusstsein und das Schreiben von Gedichten zusammen? Warum wird der Dichter zum Politiker und nicht andersherum?

Wadih Saadeh: Politisches Bewusstsein ist mit poetischem Bewusstsein verbunden. Das bedeutet jedoch nicht, dass ein Dichter zwangsläufig ein Politiker oder ein Gefolgsmann der Politik werden muss. Er bleibt jedoch ein Kritiker, der die Politik zur Rechenschaft zieht.

Übersetzung: Anna Steffen

Samah Alshagdari

Jemenitische Lyrikerin.

2018-09-20T13:41:54+00:00