„Den meisten Menschen ist nur eine Kultur gegenwärtig, ein Umfeld, eine Heimat; für Menschen im Exil sind es dagegen mindestens zwei, und diese Pluralität der Blickwinkel schafft ein Bewusstsein für die Gleichzeitigkeit verschiedener Dimensionen, ein Bewusstsein, das – um einen Begriff aus der Musik zu gebrauchen – kontrapunktisch ist.“ Dieses Zitat ist den Edward Said Days vorangestellt, die vom 14. bis 16. März zum zweiten Mal von der Barenboim-Said Akademie in Berlin ausgerichtet werden.

Edward Said, einer der einflussreichsten palästinensischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, ist hierzulande vor allem für seine epochemachende literaturwissenschaftliche Studie „Orientalismus“ (1978) bekannt. Er schrieb jedoch ebenso den kurzen, nicht weniger einflussreichen Essay „Reflexionen über das Exil“ (2000), der sich in den letzten Jahren vor dem Hintergrund globaler Fluchtbewegungen eines neuen Interesses erfreut. Die von Said angeführte Metapher des Kontrapunkts, also der Kombination von zwei oder mehr Stimmen, die harmonisch aufeinander abgestimmt, jedoch rhythmisch und melodisch unabhängig sind, ist der thematische Fixpunkt der diesjährigen Edward Said Days. Um ihn gruppieren sich die Programmpunkte, die klassische Musik, Fotografie, Film und akademische Lehre verbinden.

Den Auftakt der Veranstaltungsreihe am 14. März macht der Dokumentarfilm A World Not Ours (2012) von Mahdi Fleifel. Er porträtiert das Leben einer palästinensischen Familie, die seit drei Generationen in einem Flüchtlingslager im Südlibanon lebt. Außerdem gezeigt wird der Film Selves and Others (2003) von Emmanuel Hamon, der ein sehr persönliches Bild von Eward Said kurz vor dessen Tod zeichnet. Die gedankliche Auseinandersetzung mit Saids Leben und Werk wird fortgeführt von Literatur- und Kulturkritiker Michael Wood und endet schließlich mit einem Konzert der Tallis Scholars unter Leitung von Peter Phillips, die Werke von u.a. William Byrd, Josquin Desprez und Nicolas Gombert zur Aufführung bringen.

Der zweite Tag (15. März) beginnt mit einem Vortrag des palästinensischen Politikwissenschaftlers und Friedensforschers Saed Atshan, der die Metapher des Kontrapunkts vor dem Hintergrund der Figur des im Exil lebenden palästinensischen Intellektuellen neu interpretiert. Außerdem kann parallel im Foyer der Barenboim-Said Akademie eine Fotoausstellung des britischen Fotografen und Kurators Akinbode Akinbiyi besucht werden, die sich mit der Frage nach Heimat und Heimatverlust auseinandersetzt. Den Abschluss bildet wiederum ein Konzert der Tallis Scholars, die gemeinsam mit dem Pianisten Christoph Grund die Messe „Et ecce terrae motus“ von Antoine Brumel und ein neues Werk des palästinensisch-israelischen Komponisten Samir Odeh-Tamimi aufführen. 

Inwieweit der Raum zwischen zwei Sprachen kreatives Potential entfalten kann, damit setzt sich die palästinensische Schriftstellerin Adania Shibli in ihrem Vortrag am letzten Veranstaltungstag (16. März) auseinander. Shibli, die zweimal mit dem „Young Writers Award“ der A.M. Qattan-Sitftung in Ramallah ausgezeichnet wurde, schreibt Prosa und Theaterstücke. 2014 gab sie die Essay-Sammlung „A Journey of Ideas Across: In Dialogue with Edward Said“ heraus. Den Schlusspunkt der Edward Said Days setzen schließlich die Studierenden der Barenboim-Said Akademie, die im Konzert verschiedenen Aspekten des Kontrapunkts in den Werken von Johann Sebastian Bach, Guiseppe Verdi, Béla Bartók und Charles Ives nachspüren.

Die Welt, so schrieb Edward Said, solle nicht „einstimmig, sondern kontrapunktisch“ gelesen werden. Die zweiten Edward Said Days wollen eine Anleitung dazu geben.

Alle Veranstaltungen finden in den Räumen der Barenboim-Said Akademie (Französische Straße 33d, 10117 Berlin) statt. Karten gibt es online oder an der Abendkasse.